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Writers-in-Prison-Bericht
anläßlich der Verleihung der Kesten-Medaille 2005
an Joumaliste en danger (JED), Kinshasa/Demokratische Republik Kongo

Am 10. November 1995, vor genau 10 Jahren, erschütterte die Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers, Dramatikers, Satirikers, Menschenrechts- und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwamit acht seiner Mitstreiter die Weltöffentlichkeit. Jahrelang hatte sich der PEN, hatten sich Menschenrechtsorganisationen und Regierungen für die Freilassung der Inhaftierten eingesetzt, ohne Erfolg. Die gegen sie vor einem Militärgericht vorgebrachten Mordanklagen waren -nachweislich falsch und aus politischen Gründen erhoben worden. Schon lange war Ken Saro-Wiwaden Machthabern ein Dorn im Auge, da er sich mit seiner Kampagne für die Rechte des Volkes der Ogoni einsetzte, dessen Lebensgrundlage im ölreichen Nigerdelta durch Umweltverschmutzung zerstört wurde, da er den Kampf gegen das Militärregime des General Abacha und den Ölkonzern Shell aufgenommen und das Gewissen der Welt wachgerüttelt hatte. Saro-Wiwa bezahlte sein Engagement mit dem Leben. Dem Gedenken an Ken Saro-Wiwaund seine Freunde widmet die internationale PEN-Gemeinde den diesjährigen International Writers in Prison-Day, den Tag der verfolgten Schriftsteller, einen Tag, an dem wir seit 1980 besonders und weltweit, jeweils Mitte November, an unsere verfolgten, attackierten und ermordeten Kolleginnen und Kollegenerinnern, an dem wir exemplarisch fünf ihrer Schicksale vorstellen.

In Nigeria ist das Abacha-Regime Vergangenheit, der Shell-Konzern hat mittlerweile einige Menschenrechts- und Umweltserwägungen in seine Geschäftsstrategie einbezogen, zur Zeit werden dort SchriftstellerInnen und JournalistInnen nicht länger ihres Schreibens wegen bedrängt und ins Gefängnis geworfen. Doch die sozialen, ethnischen und religiösen Spannungen im Lande könnten bald schon zu neuen Übergriffen führen, gegen unsere KollegInnen und gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung.

In anderen Ländern Afrikas jedoch herrschen Unruhen, Bürgerkriege, werden Schreibende immer noch und immer neu zensiert, verfolgt, tätlich angegriffen und ermordet, weil sie sich gegen politische und soziale Mißstände und für demokratische Werte einsetzen. Aus der Demokratischen Republik Kongo, wo unsere engagierten und mutigen Kolleginnen und Kollegen von Joumaliste en danger oft unter Lebensgefahr das freie Wort verteidigen und ihre inhaftierten Freunde und deren Familien unterstützen, erreichen das Internationale Writers-in-Prison-Komitee alljährlich zahlreiche Nachrichten über Morde, Todesdrohungen, Entführungen und Inhaftierungen von Kolleginnen und Kollegen, die sich nur allzu selten durch Flucht in den Untergrund retten können.

Allgemein nehmen gerade auf dem afrikanischen Kontinent Verleumdungsklagen gegen engagierte Journalistinnen und Journalisten zu, die Korruption aufdecken, Mißstände anprangern, demokratische Rechte einfordern und dafür verfolgt werden.

In Sierra Leone, eingestuft als ein demokratisiertes Land, wurde Paul Kamara auf der Basis eines Gesetzes aus dem Jahre 1965 wegen Diffamierung zu zweimal zwei Jahren Haft verurteilt, weil er in seiner' Zeitung For Di People seinen Lesern den Bericht einer Untersuchungskommission aus dem Jahre 1967 erneut ins Gedächtnis gerufen hatte, in dem der jetzige Präsident Kabbah der Korruption überführt worden war. Die Entscheidung über Kamaras Berufungsverfahren wird immer wieder hinausgezögert, Appelle für seine Freilassung laufen ins Leere. Kamaras Stellvertreter, der die Zeitung nach seiner Inhaftierung leitete, starb an den Folgen eines Angriffs, für die ein Parlamentsmitglied verantwortlich gemacht wird und das mit Hilfe von drei seiner Söhne ausgeführt wurde. Der Initiator dieses als Totschlag eingestuften Verbrechens ist augenblicklich auf Kaution frei, gegen seine Söhne, von denen sich zwei in Großbritannien aufhalten, wurde Haftbefehl erlassen.

Auf dem amerikanischen Kontinent zählt Kuba zu den Ländern mit der höchsten Anzahl inhaftierter Schriftsteller und Journalisten. Anfang 2003 gehörte der Schriftsteller Victor Rolando Arroyo zu den 75 Oppositionellen, darunter 35 Autoren, Journalisten und Bibliothekare, die nach eintägigen Verhandlungen wegen angeblicher Verbrechen ,gegen die Unabhängigkeit der territorialen Einheit des Staates' mit hohen Gefängnisstrafen belegt wurden. Das Urteil gegen Arroyo lautete auf 26 Jahre Haft, die er mehr als tausend Kilometer von seinem Heimatort entfernt verbüßt, wo seine Familie ihn aus finanziellen Gründen nicht besuchen kann. Weil er sich nicht einschüchtern ließ und vor den Wärtern nicht strammstand, wurde er geschlagen und mehrmals in eine Strafzelle verlegt, die nicht einmal Raum zum Niederlegen bot. Ein Wärter drohte ihm, er werde das Gefängnis nicht lebend verlassen. Im September dieses Jahres trat Arroyo in einen 25-tägigen Hungerstreik, um angemessene medizinische Versorgung zu erhalten. Während einer kurzzeitigen Verlegung nach Havanna wurde bei ihm ein Emphysem diagnostiziert, dennoch brachte man ihn anschließend wieder in das Gefängnisweitab im Süden des Landes.
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In China, wo aufgrund von Veröffentlichungen im Internet über 30 Dissidenten inhaftiert bleiben, wo internationale Internetfirmen den chinesischen Staat mit ihrer Filtertechnologie beliefern, wurde der Lyriker und Journalist Shi Tao im April dieses Jahres wegen ,Geheimnisverrat' zu 10 Jahren Haft verurteilt, weil er die Presseanweisungen des Propagandaministeriums zum Jahrestag des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens in einer E-Mail weitergegeben hatte. Yahoo! Holding (Hongkong) Ltd. verfolgte die Nachricht Shi Taos für die chinesischen Behörden zurück bis zu seinem persönlichen Computer. Shi Tao wurde verhaftet, Computer und Unterlagen wurden konfisziert. Auf Anfrage stellte Yahoo sich auf den Standpunkt, als Weltunternehmen müsse die Firma ihre Filialen vor Ort anweisen, sich an die Landesgesetze zu halten.

Dr. Roya ToIoui, im kurdischen Teil Irans lebende Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, gehört zu einer Reihe von Aktivisten, die nach Demonstrationen für eine größere Anerkennung politischer und kultureller Rechte von Kurden im August 2005 in ihren Wohnungen verhaftet wurden. Offizielle Anklage gegen Roya Toloui und ihre Freunde ist seitens der iranischen Behörden noch nicht erhoben worden, es ist anzunehmen, daß die Gerichte den Betroffenen ,Unruhestiftung' und ,Verstöße gegen die staatliche Sicherheit' vorwerfen werden. Dr. Toloui, Mitglied des Kurdischen PEN-Zentrums, wurde bis Oktober im Sanandaj-Gefängnis gemeinsam mit Kriminellen festgehalten, kam im Oktober gegen Kaution vorläufig frei und muß nun auf ihr Gerichtsverfahren warten.

In der Türkei stehen fast fünfzig Autoren, Verleger und Journalisten vor Gericht oder warten auf ihr Verfahren, darunter unter anderem der Verleger Ragip Zarakolu, gegen den mehrere Prozesse gleichzeitig angestrengt werden. Die Anklage gegen den weltweit angesehenen Schriftsteller Orhan Pamuk, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, bringt die Situation der Schreibenden im Lande erneut ins internationale Rampenlicht. Pamuk wurde von einem Istanbuler Richter des Verstoßes gegen Artikel 301/1 des türkischen Strafrechts beschuldigt und wegen ,öffentlicher Verunglimpfung des Türkentums' angeklagt. Er hatte Anfang des Jahres in einem Zeitungsinterview in der Schweiz die Morde an Hunderttausenden Armeniern zwischen 1915 und 1917 und die Tötung von 30.000 Kurden seit 1985 erwähnt. DasVerfahren gegen ihn wird am 16. Dezember dieses Jahres eröffnet.

Insgesamt hat sich das International PEN Writers in Prison Committee, London, mit seinen ihm angeschlossenen 63 nationalen Writers-in-Prison-Komitees im ersten Halbjahr 2005 für 699 Kolleginnen und Kollegen in nahezu 100 Ländern eingesetzt. Für das Jahr 2004 lag die Anzahl der von Verfolgung Betroffenen, für die interveniert werden mußte, bei nahezu 1000. Nur weil sie gegen Gewalt und Ungerechtigkeit anschrieben wurden allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 28 Schriftsteller und Journalisten ermordet, 33 mit dem Tode bedroht, 59 auf andere Weise bedroht, 62 tätlich angegriffen, 202 verbüßen Gefängnisstrafen, 85 waren kurze Zeit inhaftiert, gegen 148 wurden Gerichtsverfahren eingeleitet, 12 bleiben verschwunden.

Mögen sich in den vergangenen zehn Jahren die Verfolgungsmuster in einigen Ländern verändert, verstärkt oder abgeschwächt haben, mag in einern Land wie Nigeria eine Zeit relativer Ruhe und Schreibfreiheit eingetreten sein, nachlassen dürfen wir in unserer Unterstützung der Verfolgten nicht.

Meine herzliche Gratulation zur Hermann-Kesten-Medaille Ihnen, Donat M'Baya Thimanga, als Präsident und Ihnen, Tshivis Thivuadi, als Generalsekretär sowie allen Mitgliedern Ihres mutigen Teams von Joumaliste en danger. Danke für Ihr Engagement, danke für die gute Zusammenarbeit mit dem PEN, auch im Internet Netzwerk des International Freedom of Expression eXchange (IFEX).Im Kampf um die Freiheit des Wortes und zum Schutz unserer Kolleginnen und Kollegen werden wir aufeinander angewiesen sein und werden uns aufeinander verlassen können. Dafür danke ich Ihnen.

Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, mit den Worten Ken Saro-Wiwas enden, die er kurz vor seiner Hinrichtung am 10. November 1995 in einem letzten Brief an den Internationalen PEN in London schrieb:

"Ob ich lebe oder sterbe ist bedeutungslos. Es reicht die Gewißheit, daß es Menschen gibt, die ihre Zeit, ihr Geld und ihre Energie darauf verwenden, dieses eine Übel unter so vielen anderen auf der Welt zu bekämpfen. Wenn sie auch heute erfolglos bleiben, morgen werden sie ihr Ziel erreichen. Wir müssen uns darum bemühen, diese Welt zu einem besseren Ort für die gesamte Menschheit zu gestalten. Jeder trägt dazu seinen Teil bei, auf seine oder ihre eigene Weise."

Karin Clark
Vizepräsidentin und Writers-in-Prison-Beauftragte des PEN-Zentrums Deutschland
Chair: International PEN Writers in Prison Committee, London


Dieser Bericht wurde im Rahmen der Dokumentation der Verleihung der Kesten-Medaille 2005 veröffentlicht.
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