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Eröffnungsrede
anlässlich der Verleihung der Kesten-Medaille am 13.11.2005 in Darmstadt
an die Organisation „Journaliste en danger“ (JED)
von Johano Strasser,
Präsident P.E.N.-Zentrum Deutschland

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, sehr geehrte Frau Stadträtin, liebe Preisträger von der Initiative Journaliste en danger, lieber Uwe Timm, meine Damen und Herren!

Wir sind hier an diesem schönen Ort zusammengekommen, um die Kesten-Medaille des P.E.N.-Zentrums Deutschland zu vergeben, eine Auszeichnung, die Personen und Initiativen verliehen wird, die sich in herausragender Weise um die Freiheit des Wortes und die Wahrung der Menschenrechte verdient gemacht haben. Benannt ist dieser Preis nach dem Schriftsteller und langjährigen P.E.N.-Präsidenten Hermann Kesten, der in der Zeit der Nazi- Herrschaft zusammen mit Thomas Mann und vielen amerikanischen Kollegen im Emergency Rescue Committee zahlreiche deutsche Schriftsteller vor der Verfolgung durch das Naziregime gerettet hat. Seit nunmehr sechs Jahren wird der Preis vom Land Hessen und dem P.E.N.-Club gemeinsam verliehen, wodurch es auch möglich geworden ist, ihn mit einem Preisgeld zu verbinden.

Die Liste der bisherigen Preisträger ist, denke ich, beeindruckend: Bischoff Helmut Frentz war der erste Preisträger im Jahre 1985. Ihm folgten: Kathleen von Simson, Angelika Mechtel, Christa Bremer, Johannes Mario Simmel, Carola Stern, Günter Grass, Victor Pfaff, SAlD, Hermann Schulz, Alexander Tkatschenko, Nenad Popovic, Harold Pinter, Sumaya Farhat-Naser und Gila Svirsky, Anna Politkovskaya und im letzten Jahr die Initiative Bunt statt Braun. Immerhin, Sie werden es bemerkt haben, sind zwei Nobelpreisträger unter den Empfängern der Kesten-Medaille, und in beiden Fällen bekamen sie den Nobelpreis erst, nachdem sie zuvor die Kesten-Medailleerhalten hatten. Was immer das zu bedeuten hat ...

In diesem Jahr gehen die Kesten-Medaille und das Preisgeld von 10.200 Euro wiederum, wie schon im vorigen Jahr, an eine Initiative, an die Initiative Journaliste en danger, die in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo eine bisher bei uns öffentlich kaum wahrgenommene, aber ungeheuer wichtige Arbeit für bedrohte, verfolgte und in ihrer Arbeit behinderte Journalisten macht. Wir, die wir in der Mitte Europas unter vergleichsweise idyllischen Umständen leben und arbeiten, können uns zumeist gar nicht vorstellen, welche Gefahren es mit sich bringt, wenn man sich in einem Land für die Meinungsfreiheit einsetzt, dessen Selbstbezeichnung als Demokratische Republik in einem krassen Gegensatz zur politisch-sozialen Wirklichkeit steht. Erst dieser Tage sind in Kinshasa wieder ein Journalist und seine Frau von maskierten Auftragsmördern erschossen worden. Ich bin sehr froh, dass der Präsident der Joumaliste en danger, Herr Donat M'baya Tshimanga und der General-Sekretär der Initiative, Herr Tshivis Tshivuadi trotz vielfältiger Hindernisse und trotz der Morddrohungen, die auch gegen sie gerichtet wurden, aus Kinshasa zu uns gekommen sind, um die Auszeichnung persönlich entgegenzunehmen. Herzlich willkommen!

Ich freue mich auch sehr, dass es uns gelungen ist, Uwe Timm als Laudator zu gewinnen. Uwe Timm ist nicht nur - zurecht! - einer der bekanntesten und meistgelesenen (das ist nicht immer dasselbe) Gegenwartsautoren. Er hat sich auch auf Reisen u.a. nach Namibia und in seinem Werk mit den Problemen jenes Kontinents auseinandergesetzt, aus dem unsere heutigen Preisträger kommen, einem Kontinent, auf dem die Anmaßung und die Gier der Europäer bis heute blutige Spuren hinterlassen haben, der meist nur dann in unseren Medien vorkommt, wenn Bürgerkriege oder Hungersnöte oder verzweifelte Flüchtlinge für kurze Zeit unsere Aufmerksamkeit erregen, über den wir aber bis heute erstaunlich wenig wissen - vielleicht auch lieber nicht allzu viel wissen wollen. In dem 1978 erschienenen Roman Morenga hat Uwe Timm an den Kolonialkrieg im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika und damit zugleich an die Verantwortung erinnert, die wir, ob wir es wollen oder nicht, für diesen Teil der Welt tragen. Herzlich willkommen, Uwe Timm.

Mit der heutigen Verleihung der Kesten-Medaille, meine Damen und Herren, ehren wir Menschen, die uns trotz der geographischen Entfernung ihres Heimatlandes, trotz der Unterschiede der Sprache und der Kultur sehr nahe sind. Die Sache, für die die Joumaliste en danger kämpfen, ist auch unsere Sache. Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Demokratie sind nicht ein exklusiver Besitz der Europäer oder der sogenannten westlichen Welt. Sie sind nicht unvereinbar mit einem wirklichen Pluralismus der Kulturen und Lebensweisen. Die jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit des P.E.N. und anderer Menschenrechtsorganisationen lehrt uns, dass die Akzeptanz kultureller Verschiedenheit und die Vorstellung universell geltender Menschenrechte sich gegenseitig bedingen und nicht, wie zuweilen behauptet wird, sich ausschließen. Heute sind es in aller Regel die Unterdrücker, die Diktatoren, die selbsternannten Volkserzieher und die rücksichtslosen Ausbeuter, die sich bei der Abwehr der Forderungen nach Menschenrechten und Demokratie auf unvereinbare kulturelle Identitäten im Herderschen Sinne berufen, während die Verfolgten und Drangsalierten überall auf der Welt die immer gleiche Idee der Menschenrechte ins Feld führen, von der ihre Gegnerbehaupten, sie sei ein ihrer Kultur fremdes eurozentristisches Konstrukt.

Meine Damen und Herren! Im Anschluß wird Herr Staatssekretär Leonhard für die Hessische Landesregierung ein Grußwort sprechen, nach ihm als Vertreterin der Stadt Darmstadt Frau Stadträtin Liselotte Kiel. Danach wird Karin Clark, im deutschen und im internationalen P.E.N. für die Writers-in-Prison-Arbeit zuständig, einen knappen Bericht über die Arbeit für verfolgte Schriftsteller geben. Dann hören wir die Laudatio von Uwe Timm und schließlich wird der Präsident der Journaliste en danger, Herr Donat M'Baya Tshimanga, für die Preisträger sprechen.