12. Oktober
2007
TÜRKEI: Der Internationale P.E.N. protestiert
gegen Verurteilungen nach Paragraph 301
Am 11. Oktober 2007 verurteilte das Strafgericht Sisli in Istanbul
Arat Dink, Herausgeber der armenisch-türkischen Wochenzeitung
Agos, und den Inhaber der Zeitung, Sarkis Serkopyan zu einer einjährigen
Bewährungsstrafe. Sie wurden nach dem berühmt-berüchtigten
Paragraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuches unter Anklage
der „Verunglimpfung des Türkentums“ verurteilt. Der
Internationale P.E.N. protestiert gegen die Urteile, die unmittelbar
gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung verstoßen,
das nach internationalen Gesetzen, zu deren Unterzeichnern auch die
Türkei gehört, garantiert ist. Darüber hinaus verfolgt
der Internationale P.E.N. mit Alarm die fortdauernden Gerichtsprozesse
und Verurteilungen von Schriftstellern und Journalisten, die ähnlichen
Anklagen unter Paragraphen 301 ausgesetzt sind.
Arat Dink und Sarkis Serkopyan wurden für die Veröffentlichung
eines Artikels bestraft, der am 21. Juli 2006 in Agos erschienen war
und über ein Interview berichtete, das der damalige Herausgeber
der Wochenzeitung, Hrant Dink, der Nachrichtenagentur Reuters gegeben
hatte. In diesem Artikel wird Hrant Dink zitiert, wie er die Massenermordungen
und das Verschwinden von Armeniern in der Türkei zu Beginn des
letzten Jahrhunderts als Völkermord bezeichnet. Hrant Dink wurde
sechs Monate später, am 19. Januar 2007, von einem nationalistischen
Extremisten ermordet.
Hrant Dinks Ermordung führte zu Massendemonstrationen in der Türkei
und wurde international scharf verurteilt. Hrant Dink war bereits 2005
nach einer anderen Anklage unter Paragraph 301 zu einer sechsmonatigen
Bewährungsstrafe verurteilt worden und nach Ansicht des Internationalen
P.E.N. allein aufgrund dessen als „Verräter“ gezeichnet
und zur Zielscheibe extremistischer Nationalisten geworden. Sein Mörder
sowie eine Reihe weiterer als Komplizen beschuldigter Personen stehen
zurzeit vor Gericht. Die Sorge um die Sicherheit von Arat Dink, Sarkis
Serkopyan und anderen, die zurzeit aufgrund von Paragraph 301 vor Gericht
stehen, ist weiterhin grosshoch.
Sogar auf höchster türkischer Regierungsebene ist man sich
der Problematik dieses Paragraphen bewusst. Vor einigen Tagen stellte
der neu gewählte Präsident Abdullah Gül dessen Änderung
in Aussicht. Der Internationale P.E.N. aber fordert, den Paragraphen
abzuschaffen und ist äußerst enttäuscht, dass momentan
etwa zwanzig Schriftsteller und Journalisten aufgrund des Paragraphen
301 vor Gericht stehen und weiterhin Strafen verhängt werden.
Am 27. September wurde der Schriftsteller Umur Hoztali zu einer sechsmonatigen
Gefängnisstrafe verurteilt, die in die Zahlung einer Strafe von
etwa 1.770 EUR umgewandelt wurde. Anlaß war sein Artikel über „Irritierende
Männer“, in dem er Polizei und Gerichtswesen kritisiert
und andeutet, dass ihnen die Öffentlichkeit misstraut. Ein weiterer
mit großer Aufmerksamkeit verfolgter Fall ist der des Verlegers
Ragip Zarakolu, der im Zuge eines wegen der Veröffentlichung der
Familiengeschichte einer armenischen Autorin im August 2005 eröffneten
Verfahrens Anfang Oktober dieses Jahres bereits zum zwölften Mal
vor Gericht erscheinen mußte Die Verhandlung wurde wieder einmal
vertagt. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich trotz des
Mordes an Hrant Dink wenig an der Einstellung zur Anwendung des Paragraphen
301 geändert hat.
In Ihren Appellen bitte:
- protestieren Sie gegen die gegen Arat Dink und Sarkis Serkopyan verhängten
Haftstrafen und die gegen weitere Schriftsteller und Journalisten aufgrund
des Paragraphen 301 laufenden Gerichtsverfahren sowie gegen weitere
Gesetze, welche das Recht auf freie Meinungsäußerung unterdrücken;
- weisen Sie darauf hin, dass diese Gerichtsverfahren gegen internationale
Standards zum Schutz der freien Meinungsäußerung verstoßen,
wie sie in Paragraph 19 der Internationalen Konvention zum Schutz ziviler
und politischer Rechte verankert sind, sowie in Paragraph 10 der Europäischen
Konvention zum Schutz der Menschenrechte, deren Unterzeichner die Türkei
ist;
- bringen Sie die Hoffnung zum Ausdruck, dass diese Gerichtsverfahren
eingestellt werden in Anerkennung der Tatsache, dass es sich dabei
um Verstöße gegen internationale Verträge handelt,
an welche die Türkei gebunden ist;
- unterstützen Sie die Forderungen nach Außerkraftsetzung
des Paragraphen 301 in Anerkennung der Tatsache, dass er dazu genutzt
wird zahlreiche Menschen allein für die Äußerung ihrer
freien Meinung vor Gericht zu bringen, ein direkter Verstoß gegen
internationale Menschenrechtsstandards.
Richten Sie Ihre Protestgesuche an:
Prime Minister
Recep Tayyip Erdogan
Office of the Prime Minister
Basbakanlik
06573 Ankara
Turkey
Fax: +90 312 417 0476
Minister for Foreign Affairs Ali Babacan
Office of the Prime Minister
Basbakanlik
06573 Ankara
Turkey
Fax: +90 312 287 8811
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Für weitere Details wenden Sie sich bitte an Sara Whyatt beim
Writers in Prison Committee London Office: Brownlow House, 50/51 High Holborn, London WC1V 6ER
UK
Tel: + 44 (0) 20 7405 0338
Fax: + 44 (0) 20 7405 0339 e-mail: wipc@internationalpen.org.uk
Der International
PEN: www.internationalpen.org.uk.
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