Logo www.o-ton.radio-luma.net und Link zur Startseite. Das Logo zeigt drei Piktogramme. Dies sind urprünglich Gebotsschilder der Berufgenossenschaften für Augenschutz, Ohrenschutz sowie Staub- bzw. Atemschutz. Diese kreisrunden Gebotsschilder sind zu einem vereint montiert. Dies ist als ironische Anspielung auf die drei Affen: Ich sehe nichts - Ich höre nichts - Ich sage nichts, zu verstehen.

Das offene Archiv mit
originalen Tondokumenten vom
UNABHÄNGIGEN MEDIENDIENST
FÜR EINE NEUE SACHLICHKEIT
IN DER GESELLSCHAFT


 
 
 
 

:: Startseite

:: Presse-
konferenzen

:: Diskussionen

:: Vorträge

:: Interviews

::Tagungen/
Kongresse

:: Preis-
verleihungen

:: Tipps zum
Hören

:: Nutzungs-
bedingungen

Link zur Erklärung vom Logo: www.radio-luma.net ABSOLUT werbefrei

 

 

.. zum Seitenende

"Zum Selbstverständnis der Deutschen"
- Vorträge im Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele -
am 13. August 2006 im Heylshofpark, Worms

O-Ton und Textfassung des Vortrags von Dr. Wolf Gerhard Schmidt:
"Kelten, Germanen und Skandinavier – deutsche Identität in der Literatur zwischen Aufklärung und Romantik"

- Ein Vortrag im Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele: "Zum Selbstverständnis der Deutschen" -

Dr. Woilf Gerhard Schmidt. Foto: © www.radio-luma.net  

 Link zur Vergrößerung auf einer separaten Seite. Bildbeschreibung:
Dr. Wolf Gerhard Schmidt während seines Vortrages neben dem Wormser Dom im Helyhofpark.

Foto: © www.radio-luma.net

Die originale Tonaufnahme des Vortrages in drei Größen als mp3-Datei:

48 KB/s, 22:24 Min. rd. 8,0 MB
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/130806_vortrag_wolf-gerhard_schmidt_48.mp3

96 KB/s, 22:24 Min. rd. 16,1 MB
Url: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/130806_vortrag_wolf-gerhard_schmidt_96.mp3

192 KB/s, 22:24 Min. rd. 32,2 MB
URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/130806_vortrag_wolf-gerhard_schmidt_192.mp3

_______________________________________________________

Textfassung des Vortrags:
Kelten, Germanen und Skandinavier – deutsche Identität in der Literatur zwischen Aufklärung und Romantik
von Dr. Wolf Gerhard Schmidt

Meine Damen und Herren,

der Versuch, nordische Mythologie und mittelalterliche Sagenwelt zu nationaler Identitätsbildung zu nutzen, ist keine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Tatsächlich begegnet der sog. Teutonismus bereits in protestantischer Barockliteratur, die im Rückgriff auf Hermann den Cherusker die ruhmvolle deutsche Vergangenheit wiederbeleben möchte. In bewußter Konkurrenz zur neulateinischen Poesie werden die "Bardi, Vates und Druiden" in den Poetiken des 17. Jahrhunderts zu Ahnen deutscher Dichter und gewinnen daher - wie die Arminiussage - in der Literatur an Bedeutung: so beispielsweise bei Johannes Rist, Johann Heinrich Hagelgans und Daniel Caspar von Lohenstein.
Die Bezeichnung 'Barde' ist in der deutschen Literatur seit Martin Opitz bekannt, der seine Informationen aus der Lektüre antiker und barocker Schriftsteller gewinnt - insbesondere Strabo, Tacitus und Barclay. Die erste Abschrift der Germania durch Pontanus entsteht 1460, der erste deutsche Druck erscheint elf Jahre später. Für die Teutonenbegeisterung des 18. Jahrhunderts bleibt Tacitus eine der wesentlichen Bezugsinstanzen. Denn der römische Geschichtsschreiber bezeichnet die germanischen Kampfgesänge in einigen Handschriften als "barditum", was dazu führt, daß man - in der Annahme einer Völkervermischung - die Existenz von Barden auch bei den alten Germanen postuliert. Daniel Georg Morhof erwähnt sie 1700 in der zweiten Auflage seines Unterrichts von der teutschen Sprache und Poesie. Ähnlich sieht es noch Friedrich Groschuf, der 1759, d.h. am Vorabend der deutschen Ossianrezeption, eine Schrift veröffentlicht mit dem Titel: Historische Abhandlung von den Druiden der Deutschen, worin erwiesen wird, daß die Deutschen und Celten eben so wie die Gallier ihre eignen Druiden gehabt.

In der Nachfolge des Siebenjährigen Kriegs entsteht zudem eine patriotische Kriegslyrik, die vor allem der Verherrlichung Friedrichs II. dient. Erste Vertreter dieser neuen literarischen Tendenzdichtung sind die Anakreontiker Ewald von Kleist, Immanuel Jakob Pyra und Samuel Gotthold Lange. Zu einer Popularisierung des Phänomens führen aber erst Johann Wilhelm Ludwig Gleims Preußische Kriegslieder, die Lessing 1758 mit eigenem Vorbericht als Sammlung herausgibt und dabei den einfachen Grenadier mit Horaz, Pindar und Tyrtäus vergleicht. Außerhalb des preußischen Territoriums wird die Idolatrie des Königs teilweise durch den Rückgriff auf germanisch-nordische Sagenüberlieferungen ersetzt, so u.a. Snorra-Edda, Saxo Grammaticus, Mallets Monumens und schließlich Macphersons Ossian. Im südlichen Teil des deutschsprachigen Europas führt dasselbe patriotische Anliegen dagegen zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Dichtung des Mittelalters unter dem glorifizierten Kaisertum. So beginnen Bodmer und Breitinger 1758 mit der Veröffentlichung ihrer Sammlung von Minnesingern aus dem schwæbischen Zeitpuncte, und der Württemberger Barde Hartmann sucht durch das Studium mittelalterlicher Lyrik Erkenntnisse über Ursprung und Konstitution der deutschen Sprache zu erhalten. Im katholisch geprägten Österreich fokussiert sich der politische Enthusiasmus vor allem auf die Identifikationsfiguren Maria Theresia und Joseph II. sowie die Heldentaten ihrer Kriegsmaschinerie.

Die Aufwertung von mittelalterlicher Dichtung und nordischer Mythologie hat eine doppelte Funktion. Der ästhetischen Abkehr von der mit Antike und Klassizismus assoziierten Regelpoesie entspricht die politische von Adel und Hof. Dies gilt insbesondere für die Dichter des Göttinger Hain und des Sturm und Drang. Bezugsinstanzen sind in erster Linie Shakespeare, Ossian und Klopstock. So schreibt Johann Georg Jacobi 1774 in einer Rezension zu Klopstocks Hermann und die Fürsten: die Gesänge der Barden sind "majestätisch einfältig, wie der Eichenwald, in welchem der Geist der Freyheit auf die ausgezognen Waffen überwundner Tyrannen schaut". Dasselbe gilt auch für eines der wesentlichen Vorbilder der Hermann-Trilogie, Macphersons Ossian, in dem eine egalitäre Gesellschaftsform praktiziert wird und Fingal, der König von Morven, als primus inter pares herrscht. Der Umkehrschluß liegt auf der Hand: Wer die Gedichte des keltischen Barden nicht "lesen und bewundern kann" ist ein "Höfling".
Diese rückwärtsgewandte Identitätsstiftung, die den politischen Ossiandiskurs bestimmt, hat sicher eine nicht geringe Kompensationsfunktion. Denn in Macphersons Dichtung findet man zugleich das Objekt der Begierde (die Welt des jungen Ossian) als auch die Erfahrung des Verlusts (die Welt des greisen Ossian). Der keltische Barde hat das Paradies erlebt und verloren. Er ist eins mit dem großen Alten und kennt gleichzeitig die Sehnsucht der Moderne. Statt sich aber aktiv der Zukunft anzunehmen, bleibt er passiv und beklagt die verlorene Herrlichkeit. Im Vormärz wird Ossian daher – wie Hamlet – zum Muster des untätigen Deutschen, dessen Patriotismus regressiv bleibt:

[ZITAT 1: Hermann Marggraff] Erst in der Erinnerung, in seinen historischen Gedenkbüchlein wird der Deutsche national. Da weitet er sich aus; alle Poren öffnen sich an ihm; ein Gefühl, welches dem Nationalsinn ähnlich sieht, kommt über ihn. Wenn er seiner Vorfahren gedenkt — und der ruhige thatenlose Deutsche hat Zeit genug dazu — dann gewinnt er Charakter, Festigkeit im Urtheil, Bestimmtheit im Ausdruck; er leidet und handelt mit, er bereut und nimmt Lehre und Warnung an; die geschichtliche Erinnerung wird ihm zum Gottesgericht, zur Prophetin, die aus der Vergangenheit für die Zukunft wahrsagt; sie wird die Stimme seines eigenen innersten Gewissens. Eine wehmüthige Rührung ist das hauptsächlichste Merkmal aller Geschichtsbücher deutscher Nation; ein Klage- und Racheruf, wie der Chriemhildens, tönt vernehmlich daraus hervor; die Erinnerung sitzt wie Marius auf den Trümmern gesunkener Größe und spricht Worte des Mitleids und des Jammers. So gelingt es uns nicht, eine Geschichte im wahren objectiven Sinne des Worts zu schreiben; wir besitzen vielmehr neben einer reflektirenden Poesie auch eine reflektirende Geschichte, die sich nicht selten in einen lyrischen Schmerz ergießt und, wie manche Schöne, erst im Weinen und durch das Weinen reizend wird.

Der Ossianbezug enthält zugleich aber auch das 'reale' Scheitern des Traums, denn der Tod ist bei Macpherson omnipräsent und auch der keltische Barde überlebt nur 'poetisch', d.h. in der Erinnerung. Vor diesem Hintergrund warnt Johann Caspar Velthusen davor, Deutschland könne ebenso untergehen wie die ossianische Welt. In dem 1807 erschienenen "Fragment eines Schottischen Duans" Drey Stimmen Deutscher Männer aus Ossians Gruft heißt es daher:

[ZITAT 2] Wie lange zerfleischt mit eigner Hand
Germanien sein Eingeweide?
O Deutschland! Deutschland! reiß die Binde -
Die Augenblende - reiß sie ab;
Und mache dich nicht selbst zum Kinde!
Und stürze dich nicht selbst ins Grab!

Der Vergleich von Germanen und Kelten beginnt zwar nicht erst mit der Veröffentlichung Ossians, wird dadurch aber stark popularisiert, denn Macphersons Dichtung erscheint als "das schönste Denkmal der Celtischen Poesie". Hinzu kommt die Renaissancelosigkeit der altnordischen Überlieferungen, durch die jeder negative Einfluß der romanischen Tradition per se ausgeschlossen wird. Über den Hadrianswall ist die 'Zivilisation' nie hinausgekommen, und die Helden Fingals zeigen sich in ihrer ethischen Integrität vollkommen unbeeinflußt von der antiken humanitas.
Für Herder besitzen die keltisch-germanischen Bardenlieder daher eine kulturstabilisierende Funktion:

[ZITAT 3] Den Nordischen Gesängen haben wirs also zuzuschreiben, daß sich das Schicksal Europens so änderte, und daß wir da, wo wir itzt sind, wohnen. Daß Rom über Deutschland nichts vermochte, haben wir ihren Helden und Barden zu danken: dem Schlacht- und Freiheitgesange, der zwischen den Schilden ihrer Väter tönte. O hätten wir diese Gesänge noch, oder fänden sie wieder!

Karl Lappe zitiert Ossian daher als Inspirationsfigur für den Kampf der Deutschen gegen Rom:

[ZITAT 4] Ich bin aus Hermann's Samen!
Wir schlugen Varus Macht!
Es wallten stolz die Fahnen
Der siegenden Germanen,
Und Roma sank in Nacht.

Erschreckt der Feigen Söhne!
Uns nennt der Barden Sang.
Stimm', Ossian, uns zu preisen,
In deine schönsten Weisen
Der goldnen Harfe Klang!

Die gerechten Verteidigungskriege der Highlander werden mit Arminius' Sieg über Varus parallelisiert und später sogar auf den Befreiungskampf gegen Napoleon übertragen. Ein Beispiel hierfür markiert das 1809 in München uraufgeführte Colmal-Singspiel von Matthäus von Collin und Peter von Winter. Im Zentrum der Handlung stehen Ossian und sein Antipode Dunthalmo, der deutliche Züge des französischen Kaisers trägt. Nach einer Entscheidungsschlacht zwischen beiden Protagonisten, die der keltische Barde siegreich besteht, schenkt er seinem Gegner großzügig das Leben - ein letzter Beweis für die moralische Überlegenheit des Nordisch-Deutschen gegenüber dem Romanischen.

Obwohl im Ossian auf nationale Töne verzichtet wird und keine unmittelbaren Indizien für einen Römerhaß vorhanden sind, hat Macpherson doch Voraussetzungen für eine entsprechende Rezeption geschaffen. So hebt er in seiner Introduction to the History of Great Britain and Ireland (1771) Geschmack und Körperpflege der Kelten hervor und befriedigt auf diese Weise auch die gesellschaftlichen Erwartungen der deutschen Aufklärung:

[ZITAT 5] Die Celten sahen nicht nur in ihrer Kleidung auf das Feine und Anständige; sie waren auch überhaupt sehr reinlich. Der Charakter des Schmutzes, den wir uns gemeiniglich bey den ungesitteten alten Europäern zu denken pflegen, wurde von den Morgenländern, und von den wilden Völkern mitgebracht, welche das abendländische Reich in Besitz nahmen. Die Sarmater, welche die Vorältern der meisten gegenwärtigen Europäer gewesen sind, waren so schmutzig, daß sie darüber zum Sprichworte wurden. Die celtischen Völker sahen ungemein auf die Reinlichkeit. Sie badeten sich ordentlicher Weise alle Tage zweymal in den Wintermonaten sowohl, als während der Sommerhitze: und sie trieben ihre Liebe zur Reinlichkeit so weit, daß man, nach Ammianus Marcellinus, in allen Ländern des alten Galliens keine Manns- noch Weibsperson, selbst unter den Aermsten nicht, mit beschmutzten oder geflickten Kleidern antraf. [...] Die Reinlichkeit der neuern Nationen entspringt aus dem Ueberflusse, und ist nicht allgemein; bey den Celten war sie natürlich und durchgängig. Betteley und Lumpen gehören zu den Vorzügen einer gesittetern Societät.

Die poetische Konstruktion des Kelten-Mythos umfaßt ungefähr den Zeitraum von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie koinzidiert mit der zunehmenden Bedeutung der Natur und des Erhabenen sowie der Aufwertung primitiver Lebensformen. Gleichzeitig wird aber auch das Germanische, oder - in zeitgenössischen Begriffen - das Nordisch-Deutsche, mit dem Keltischen verbunden. Als Legitimation dienen antike Schriftsteller, bei denen die Teutonen oft im Zusammenhang mit Kelten oder Skythen erwähnt werden. Leibniz führt in seinen Nouveaux essais sur l'entendement humain (1703-1705) Germanisch, Gälisch und Bretonisch sogar auf dieselbe Grundlage zurück: das Keltisch-Skythische, und zwar mit dem Ziel, die deutsche Sprache zu einer lingua adamica zu machen.

Die Publikation der ossianischen Gedichte gibt der Diskussion um die Bedeutung der Kelten sowie deren Verhältnis zu den Germanen neue Nahrung und führt im deutschsprachigen Europa schließlich zur Entstehung einer philologischen Wissenschaft. Macpherson selbst verweist in seiner Dissertation on Ossian’s Antiquity auf die große Vergangenheit der Kelten, und auch in der bereits zitierten Introduction erscheinen die Kelten als das einzige Volk, das den Rousseauschen Kriterien eines idealen Naturzustands entspricht. Dennoch wendet sich Macpherson gegen die Ineinssetzung der Kelten mit den Germanen.
Auch in der deutschen Rezeption gibt es Stimmen, die sich für eine Trennung beider Volksgruppen aussprechen. Klopstock, der frühe Herder und Fouqué halten Ossian dagegen mehr oder weniger für einen Deutschen, während Michael Denis und Karl Friedrich Kretschmann lediglich behaupten, die alten Germanen hätten wie die Kelten Druiden und Barden besessen. Beide Seiten verbinden mit dem Erscheinen Ossians allerdings die Hoffnung auf ein verstärktes Interesse an der eigenen Vergangenheit.

[ZITAT 6: Michael Denis] Vielleicht dass Ossian wohl gar die Begierde erwecket auch die Barden unsrer Väter zu kennen. Karl der Grosse hatte ihre Geschichte gesammelt. Sollten sie unwiederbringlich dahin seyn? Sollten sie nicht irgendwo in Bibliotheken und Manuscriptensammlungen stecken? Wenn man nun begüterten Gönnern der Litteratur den patriotischen Vorschlag thäte einen namhaften Preis für den Finder auszusetzen? — Welches Verdienst beym Vaterlande! welcher Anspruch auf die Unvergesslichkeit!

Auch Herder hofft, "daß einmal mit Hülfe der Kenntniß Gallischer Sprache, Gallischer Sylbenmaaße und dem ganzen Gefühl Deutscher Ahnenstärke und Einfalt, noch einmal ein anderer, ganz neuer Oßian erstehen werde". Denn bei Macpherson sind Kunst und Politik noch nicht getrennt, und die Gesellschaft erscheint als organisches Ganzes, das sich aus einer Gedächtniskultur speist und nur dadurch eine für die Epoche einzigartige Dichtung hervorbringen konnte. Der Verlust dieser Einheit, das Vergessen eigener Überlieferungen führt notwendig zum poetischen und damit politischen Niedergang einer Nation.

Vor dem Hintergrund einer als problematisch empfundenen Kulturentwicklung wird deshalb nach neuen Allianzen gesucht, wobei sich Deutschland und Großbritannien als "Überlagerungszonen" zwischen dem renaissancefreien Norden und der romanischen Kultur erweisen. So konstatiert Herder in dem Aufsatz Von der Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst (1777):

[ZITAT 7] Wenn wir gleich Anfangs die alten Britten als ein eignes Volk an Sprache und Dichtungsart absondern, wie die Reste der walisischen Poesie und ihre Geschichte es darstellt: so wissen wir, daß die Angelsachsen ursprünglich Deutsche waren, mithin der Stamm der Nation an Sprache und Denkart deutsch ward. Ausser den Britten, mit denen sie sich mengten, kamen bald dänische Kolonien in Horden herüber; dies waren nördlichere Deutsche, noch desselben Völkerstammes. Späterhin kam der Überguß der Normänner, die ganz England umkehrten, und ihre nordische in Süden umgebildete Sitten ihm abermals aufdrangen; also kam nordische, deutsche Denkart in drei Völkern, Zeitläuften und Graden der Kultur herüber: ist nicht auch England recht ein Kernhalt nordischer Poesie und Sprache in dieser dreifachen Mischung worden?

Um die Genese einer Nationalkultur zu ermöglichen, soll die Dominanz der antik-romanischen Tradition durch das Sammeln eigener Volksdichtungen gebrochen werden. Entsprechende Projekte in Großbritannien (Macpherson, Percy) fungieren als Vorbild für eine Erneuerung der deutschen Literatur. Herder selbst empfiehlt in seinem späten Essay Iduna, oder der Apfel der Verjüngung (1796) der deutschen Dichtung eine Adaption der nordischen Sagenwelt. Dabei hat Herder noch immer den keltischen Barden im Hinterkopf. Dies zeigt nicht nur der zeitgleich entstandene Aufsatz über Homer und Ossian, sondern auch der Verweis auf das empfindsame Defizit der 'neuen' Mythen: "Ein Theil der Fabeln ist fürchterlich nordpolarisch".
Friedrich David Gräter, der Herausgeber der Zeitschrift Bragur, postuliert aber gerade aus diesem Grund eine Trennung von Kelten und Germanen. Mit ihm beginnt die Aufwertung von Edda und Nibelungenlied gegenüber einem als undeutsch empfundenen Ossian. Auch August Wilhelm Schlegel hält Macphersons Dichtung für ein empfindsames "Machwerk" und stellt ihr "die herbe Wildheit" der "kolossalischen Dichtungen" altdeutscher Provenienz gegenüber. In seiner 1799 publizierten Abhandlung über die "Bardengesänge, welche Karl der Große hat aufzeichnen lassen", negiert er die Existenz einer Sängerkaste bei den Germanen. Zudem seien die alten Lieder durch Völkerwanderung und Christianisierung verlorengegangen. Diese Ansicht wird auch von Karl Gottlob Anton vertreten, der im darauffolgenden Jahr einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel: Die Germanen hatten keine Barden und keine Druiden. Es handelt sich hierbei um eine Replik auf Kretschmanns Schrift Haben die alten Germanen Barden und Druiden gehabt, oder nicht?, in der nochmals mit Vehemenz die Existenz eines altdeutschen Dichterstandes verteidigt wird.

Für die Entwicklung des Ossianrezeption sind Echtheitsdebatte und pangermanische Perspektive insofern von Bedeutung, als sie die besagte Abwertung der gälischen Lieder zugunsten von Edda und Nibelungenlied begünstigen. Denn je schwieriger die ethnische Integration Ossians und je fragwürdiger die Existenz deutscher Barden ist, desto stärker wendet man sich mittelalterlichen und skandinavischen Vorlagen zu - insbesondere dann, wenn sich die Dichter zugleich von der Empfindsamkeit distanzieren möchten. Beispiele hierfür sind neben den genannten Autoren der späte Friedrich Schlegel und Wilhelm Grimm. Da die ossianische Wonne der Wehmut aber auch bei den Dichtern der 'Romantik' überaus beliebt bleibt, sprechen sich einige explizit für die Retablierung Ossians gegenüber der germanisch-nordischen Mythologie aus. Zu ihnen zählen u.a. Fouqué, Arnim und der späte Jacob Grimm. Auch Herder warnt die Adepten altnordischer Sagenüberlieferungen vor der "Großsprecherei und Roheit" zu glauben, "daß die Deutsche Nation, dem Gipfel der Weltüberwindung nahe, einer gefundnen Mythologie wegen, über alle hervorrage". Er bezieht sich hier zwar primär auf Gräters Nordische Blumen und die Zeitschrift Bragur, meint aber die allgemeine Tendenz zur Idolatrie des Germanischen, wie sie sich wenig später vor allem bei Ernst Moritz Arndt, Joseph Görres und Friedrich Heinrich von der Hagen findet. So schreibt letzterer über die Bedeutung des deutschen Mittelalters: "In der schmachvollsten Zeit des Vaterlandes war es mir ein großer Trost, eine wahre Herzstärkung und eine hohe Verheißung der Wiederkehr Deutscher Weltherrlichkeit, die uns nicht getäuscht hat".
Kraft ihrer Empfindsamkeit und Liebesethik, ihrer egalitären Gesellschaftsutopie und ausgesprochenen Anti-Kriegshaltung kann sich Macphersons Dichtung solcher Vereinnahmung langfristig entziehen. Denn als Ossians völkisches Legitimationspotential aufgebraucht ist, wird der Keltenbezug weitgehend verabschiedet. Von nun an vollzieht sich deutsche Identitätsbildung primär im Rückgriff auf Relikte einer dezidiert germanischen Mythologie.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

__________________________________________________________

.. zur Vita von Dr. Wolf Gerhard Schmidt auf einer separaten Seite

___________________________________

Weitere Informationen hier im Archiv:

Dokumentation:

"Zum Selbstverständnis der Deutschen"
- Vorträge im Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele -
am 13. August 2006 im Heylshofpark, Worms

Link zur Vergrößerung auf einer separaten Seite. Bildbeschreibung unten. Foto: © www.radio-luma.net
Link zur Vergrößerung des Bildes auf einer separtaen Seite. Bildbeschreibung: (v.l.n.r.) Dr. Wolf-Gerhard Schmidt, Volker Gallé und Christian Liedtke.
Foto: © www.radio-luma.net

Die Vorträge im Einzelnen:

- "Die Sage vom Ursprung: Selbsthass und seine Folgen" - Volker Gallé (Worms)
- "Kelten, Germanen und Skandinavier – deutsche Identität in der Literatur zwischen Aufklärung und Romantik" - Dr. Wolf Gerhard Schmidt (Eichstätt)
- "Heine und die Deutschen" - Christian Liedtke (Düsseldorf)

.. zur Startseite der Dokumentation aller Vorträge im Themenfeld "Zum Selbstverständnis der Deutschen "

 

Link zur WORMSER RUNDE 2005. auf einer separaten Seite. Bildbeschreibung unten. Foto: © Rudolf Uhrig

Bildbeschreibung:
WORMSER RUNDE 2005 - (v.l.n.r.): Prof. Dr. Paul Nolte, Prof. Hark Bohm, Dr. Dieter Wedel und John von Düffel - Foto: © Rudolf Uhrig

_________________________________________

Weitere Informationen zur Veranstaltung im Internet:

Die Internetpräsenz der Stadt Worms erreichen Sie unter: www.worms.de.

Die Startseite der Nibelungenfestspiel gGmbH erreichen Sie unter: www.nibelungenfestspiele.de.
Das Faltblatt zum Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele 2006 als PDF-Datei (24 Seiten, rd. 1,5 MB) auf einer separaten Seite.

.. zum Seitenanfang Diese Seite drucken Diese Seite weiterempfehlen

Veröffentlichung dieser Seite am 16. September 2006