O-Ton und Textfassung des Vortrags
von Volker Gallé:
"Die
Sage vom Ursprung: Selbsthass und seine Folgen"
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Ein Vortrag im Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele:"Zum
Selbstverständnis
der Deutschen" -
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Bildbeschreibung:
Volker
Gallé während seines Vortrags im Helyhofpark
neben dem Wormser Dom.
Foto: © www.radio-luma.net
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Die originale Tonaufnahme des Vortrages in drei Größen als mp3-Datei:
96
KB/s, 29:45 Min. rd. 21,4 MB
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Textfassung des Vortrags:
Die Sage vom Ursprung: Selbsthass und seine Folgen
von Volker Gallé
Zunächst einmal will ich sagen, über was ich nicht reden
werde. Ich werde nicht davon reden, dass die deutsche Erinnerungskultur
nach 1945 mit ihrem Focus auf dem Völkermord des deutschen
NS-Staates, insbesondere an den Juden Europas, dass diese deutsche
Erinnerungskultur Selbsthass sei und ein Ende haben müsse.
Es handelt sich dabei nämlich nicht um Selbsthass, nicht nur
weil diese notwendigerweise erschütterende Erinnerung oft
nur ritualisiert daherkommt und die darunter liegende Seelenverfassung
gar nicht zu Tage tritt, sondern vor allem weil es sich dabei um
einen Dialog mit den Toten handelt, dessen Ende oder sagen wir
besser dessen friedliches Ruhen nicht von den Lebenden, sondern
von den Toten bestimmt wird, deren offene Fragen nach wie vor – ob
man es will oder nicht – in Dingen und Seelen verhakt sind.
Dass es dabei nicht um Kollektivschuld geht – schuldig kann
nur eine handelnde Person sein, auch im Nicht-Handeln – versteht
sich von selbst. Es geht um Erinnerung und Aufklärung, um
das Wissen, was geschehen ist, um das Fühlen, was getan wurde
und um das Verstehen, warum es geschehen ist. All das ist noch
immer auf heftige Art und Wese lebendig.
Eher geht es schon um die deutsche Unsicherheit zu sagen, was eigentlich
deutsch ist, die gern Leerstellen lässt und sich Identitäten
borgt statt sich um eigene zu mühen und zu bemühen. Das
legere, weltoffene Feiern der WM mit den Nationalfarben bedeutet
da weder Entwarnung noch Rückfall; schließlich ist Fußball
ja nur ein Spiel, und dazu gehören eben Begeisterung, Feier,
aber auch Fairness, immer eine sportliche Leistung im Blick. Und
Party macht zwar Spass, ist aber eine seit Jahrhunderten weltweit übliche
Form der Freizeitgestaltung, mithin global. Das sind die Phänomene,
die ich im Folgenden betrachten will auch: die deutsche Identität
ist in diesem Zusammenhang eine besondere Variation allgemein menschlicher
Phänomene, etwa in dem Sinne wie es Johann Gottfried Herder
in
seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ gesehen
hat: „Es ziehet sich demnach eine Kette der Kultur in sehr
abspringenden krummen Linien durch alle gebildeten Nationen.In
jeder derselben bezeichnet sie zu- und abnehmende Größen
und hat Maxima allerlei Art. Manche von diesen schließen
einander aus oder schränken einander ein, bis zuletzt dennoch
ein Ebenmaß im Ganzen stattfindet.“
Um was geht es also?
Zunächst um die Suche nach dem Ursprung. „Woher kommen
wir?“ ist neben „wer sind wir?“ und „wohin
gehen wir?“ eine der drei philosophischen Grundfragen, man
könnte sagen: es sind die drei Fragen nach dem Menschen, die
der Wissenschaft und der Religion überhaupt zugrunde liegen.
Das „Woher“ tritt dabei einmal als Frage nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip
auf – im Vordergrund steht also der Grund einer Sache, nicht
etwa ihr Zweck oder ihr Sinn, und zwar der erste Grund, der Ur-Grund,
wie das Wort Ur-Sache ja selbst erzählt und damit eine Kette
von Gründen in Richtung Vergangenheit eröffnet -, zum
anderen betrifft das „Woher“ die Abstammung des Menschen,
also sein Verhältnis zu seinen Ahnen, bis hin zur Schöpfung
als erstem Grund. Dass dies für den Einzelnen von Bedeutung
ist, hat beispielsweise das BVG im Rahmen der Debatte um die Babyklappe
in einem Grundsatzurteil 1989 festgestellt und dabei das „allgemeine
Persönlichkeitsrecht“ (Art 2 Abs. 1 in Verbindung mit
Art 1 Abs.1 GG) so definiert, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit
u.a. die Kenntnis der eigenen Abstammung voraussetzt, weil soziale
und biologische Herkunft im Bewusstsein des Einzelnen eine Schlüsselstellung
für Indiviudalitätsfindung und Selbstverständnis
einnehmen. Und was für die individuelle Identität gilt,
gilt auch für kollektive Identitäten. In seinem Buch „Sehnsucht
nach dem Ursprung“ (1989) beschreibt der Religionsphilosoph
Mircea Eliade ebendiese Sehnsucht als universelle Konstante menschlicher
Kulturen und in seinem Vortrag „Der starke Grund zusammen
zu sein. Erinnerungen an die Erfindung des Volkes“ (1998)
stellt der Philosoph Peter Sloterdijk fest, dass in den drei Feldern
von Arbeit, Sprache und Fortpflanzung „die primären
ethnogonischen Prozesse stattfinden, aus denen alle historischen
Kollektive hervorgegangen sind.“ (S.46)
Das Modell für Gesellschaft ist also die wie immer auch geartete
Familie, und zwar in ihrem Rückbezug auf die Vorfahren, Ahnen.
In Stammeskulturen und frühen Gesellschaften bis ins Mittelalter
hat sowohl das Modell Familie Gesellschaft und Staat dominiert
als auch die Frage „woher kommen wir?“, während
seit der frühen Neuzeit in von Europa und der USA kulturell
dominierten Gesellschaften immer mehr der Einzelne und die Frage
nach dem „was bin ich?“ und dem „Wohin?“,
wenn auch stärker säkular, in den Mittelpunkt gerückt
sind. Das heisst nun nicht, dass die älteren Modelle keine
Rolle mehr spielen würden, sie sind nur in den Hintergrund
gedrängt, teilweise sogar mit Tabus belegt, wiewohl sie nach
wir vor – vor allem im Alltagsgebrauch – wirkmächtig
sind, durch ihre Tabuisierung teilweise sogar noch wirkmächtiger,
auch destruktiver als früher, weil unbenannt und unerkannt.
Die Abstammungslinien der Familien, Sippen, Clans können nun
patrilinear oder matrilinear ausgerichtet sein; in unserer Kultur
dominiert die patrilineare Sukzession, und zwar mit Bezug auf einen
Stammvater. Sie kennen das aus den antiken und biblischen Mythen,
aber sie finden das auch überall in den Ortschroniken Rheinhessens
und anderer Landschaften, wenn z.B. bei den Orten mit der Endung –heim,
also fränkischen Gründungen aus dem 6./7.Jh. n.Chr.,
aus dem Ortsnamen ein urkundlich selten belegter adliger Ortsgründer
destilliert wird, also Maucho in Mauchenheim usw. Dabei wird meist
bereits völlig übersehen, dass der Ortsname in frühmittelalterlicher
Zeit anders lautete. In Schöpfungsmythen wird die Rolle des
Stammvaters meist von einem Kulturstifter übernommen, einem
Heros, der – wie z.B. Prometheus - das Feuer gebracht hat.
In Riten wird seine heilige Ursprungshandlung wiederholt und damit
die Kraft des Ursprungs in die Gegenwart hinein übertragen,
eine Sukzession des Heiligen sozusagen. In schriftlosen Kulturen übernehmen
heilige Dinge und Riten, also Formen, diese Funktion der Überlieferung,
in Schriftkulturen rückt das geschriebene Wort in diese Position,
mit genau der gleichen Ausstattung an auratischer Wirkung. Hartmut
Böhme schreibt in seinem Buch „Fetischismus und Kultur“ (2006): „Die
Welt ist durchzogen von Kraftströmen, durch die alles wird,
was es ist, und alles anders wird, als es ist. Teils formieren
die Magier die Dinge, teils haben die Dinge selbst innere Kräfte,
wodurch sie sich behaupten und in die Welt wirken, teils partizipieren
sie an übergeordneten Kraftströmen, die durch sie hindurch
gehen“ (S.233) Diese Lebendigkeit der Welt ist gemeint, wenn
es im 6. Vers des Nibelungenliedes von den Burgunderkönigen
heisst: „Ze Wormez bi dem Rine si wonten mit ir kraft.“ oder
wenn wir heute vom Charisma einer Person sprechen, Starkult treiben
oder in einer Sammelleidenschaft – auch in den großen
Ausstellungen der Museen - Vergangenheit neu inszenieren. Die damit
einhergehende Verheiligung von Dingen und Lebewesen ist einerseits
unmittelbar erfahrbare Realität, zum anderen birgt sie wie
das Heilige überhaupt die Gefahr der Gewalt durch Ausschließung
von Kult, Ritus, Überlieferung, Abstammung etc. Und in der
Tat gibt es eine kulturelle Tendenz, den Kulturheros/Stammvater
und seine Sukzession mit einer auschließenden Dignität/Würde
auzustatten; Fremde sind dann Barbaren, Nicht-Menschen, der Stolz
aufs Eigene entsteht. Dieser Vorgang war und ist weit verbreitet,
ist aber keineswegs eine zwangsläufige Begleiterscheinung
von Vitalismus und Sukzession, wie es die aufklärerische Kritik
gerne glauben machen möchte. Hartmut Böhme konstatiert
zunächst einmal, „dass in der Moderne vormoderne Formen
und Institutionen der Magie, des Mythos und Kultus, der Religion
und der Festlichkeit aufgelöst werden, ohne dass die darin
gebundenen Energien und Bedürfnisse zugleich aufgehoben wären – sie
werden vielmehr freigesetzt und flottieren durch alle Systemebenen
der modernen Gesesllchaften.“ (S.22) Die Perspektive des
naturwissenschaftlichen Experiments und in ihrer Folge die Behauptung,
vitalistische Konzepte seien antropomorphe Projektionen des Subjekts
ist eben auch nur ein Auschnitt, bzw. eine mögliche Interpretation
von Wirklichkeit und wird den Phänomenen keineswegs gerecht;
zudem benutzen auch ihre Protagonisten wie z.B. Marx und Freud
ihrerseits im Grunde mythische Welterklärungen, sei es bei
der Beschreibung der Urgesellschaft oder bei der Konstruktion des Ödipuskomplexes.
Eine besondere Form kollektiver Identität, die uns heute beschäftigt,
ist die Nation. Auch wenn das Mittelalter den Nationalstaat noch
nicht kannte, der Sprache, Territorium und – zumindest in
Deutschland – Abstammung miteinander verknüpfte, so
gab es dennoch, die Antike fortführende Ursprungsmythen, welche
die in der Spätantike und im frühen Mittelalter sich
bildenden neuen Personenverbände legitimieren und an einen
ersten Ursprung anknüpfen sollten. Jörn Garber schreibt
in seinem Aufsatz „Trojaner – Römer –Franken – Deutsche.
Nationale Abstammungstheorien im Vorfeld der Nationalstaatsbildung“ (in:
Klaus Garber, Nation und Literatur im Europa der frühen Neuzeit,
Tübingen 1989, S. 108 ff.): „Das „natio“-Bewußtsein
rekurriert oft auf lineare gentile Ableitungsformen von Geschichte
und tilgt tatsächliche Stammesverschmelzungen und Stammesüberlagerungen.
Dieser genealogisch konstruierte Vereinfachungsprozess von Geschichte
geschieht mittels einer gentilen, „nationalen“ Abstammungshypothese,
die lediglich die Selbstdeutung von Stammesgeschichte reflektiert
und damit Auskunft über kollektive Willensbildungsprozesse
gibt...Diese Selbstdeutung trägt oft die Züge des Fiktionalen...Die
antike Geschichte wird auf die Gegenwart ausgerichtet, indem der
Einbruch zwischen Antike und mittelalterlicher Herrschafts- und
Volksgeschichte durch Abstammungsgenealogien mit fiktivem Kern
geschlossen wird. Die Abstammungsgemeinschaft ist das zentrale
Legitimationstheorem der mittelalterlichen Geschichtsschreibung...Wenn
die Gründungsväter einer Stadt, einer Dynastie oder eines
Volkes an die älteste Schicht der Urgeschichte angeschlossen
werden können, dann werden konkurrierende politisch-rechtliche
Ansprüche anderer Geschlechterverbände durch das Prinzip
der Unübertrefflichkeit der Herkunft ausgeschlossen. „ (S.
111 und 116)
Ob Goten, Franken, Alemannen oder Burgunder – all das waren
keine Völker im Sinne der Nationalstaatstheorie des 19. Jahrhunderts.
Es handelte sich zunächst um Kriegerverbände, deren Anführer
Soldaten aus ganz unterschiedlichen Kulturen rekrutierten; diese
stellten sich teilweise den Römern als Söldner zur Verfügung.
Sobald sich die Barbarenkönige aber, so Patrick Greary in
seinem Buch „Europäische Völker im frühen
Mittelalter“ (2002) „in den ehemaligen römischen
Provinzen etabliert hatten, waren sie bestrebt, die kulturell disparaten
Angehörigen ihrer Armeen in ein homogenes Volk zu transformieren,
ihnen ein gemeinsames Gesetz zu geben und sie in einem gemeinsamen
Identitätsgefühl zu einen.“ (S.124) Schließlich
beerbten die Franken das römische Reich und damit auch dessen
trojanischen Ursprungsmythos.
Seit Hesiod gibt es die Lehre von den Weltaltern, bzw. Weltreichen.
Es sind vier: das goldene, paradiesisch mit Frieden, Jugend und
ewigem Frühling, das silberne, das eherne und das eiserne.
Mit Letzterem, der Zeit des römischen Imperium, endet die
Geschichte im Verderben, ein Geschichtskonzept mit zunehmendem
Rückschritt, das dem Konzept der Aufklärung mit zunehmendem
Fortschritt, also dem Konzept auch unserer Zeit, diametral entgegensteht.
Zwischen ehernem und eisernem Weltalter liegt die Zeit der Halbgötter,
die am Kampf um Troja teilgenommen haben und durch Zeus Hilfe entkommen
sind auf die „seligen Inseln“. Wer also an die Zeit
Trojas anknüpft, so Jörn Garber, „hat Teil an der
heroischen Zeit, bevor die Geschichte ihrem Verderben entgegeneilt.“ (S.121)
Deswegen leitet sich der römische Ursprungsmythos von Troja
ab und deswegen knüpft das Mittelalter an das römische
Reich und seinen Ursprungsmythos unmittelbar an, also nicht nur
um Herrschaft zu legitimieren, sondern vor allem um den Untergang
der Welt aufzuhalten und die Phase des letzten Weltreiches zu verlängern.
Die Lehre von den Weltreichen hat neben der römischen und
christlichen Tradition auch die jüdische Apokalyptik beeinflusst
und war damit in der Geisteswelt der Antike ominpräsent. Die
Sage vom trojanischen Ursprung, Teil der mittelalterlichen Chroniken
und damit der Geschichtsschreibung, wurde nicht nur von den Franken übernommen
und für ihre Zwecke genealogisch modifiziert, sondern auch
von anderen europäischen Völkern, so den Vandalen, Normannen,
Dänen und Briten; hineingeflochten wurde der biblische Mythos
vom Stammvater Noah und der Entstehung der Sprachen nach dem Turmbau
von Babel. Der Reichsmythos wurde über die Karolinger gesichert,
von Barbarossa durch die Heiligsprechung Karls des Großen
in die Stauferzeit hinübergerettet und spaltet sich dann in
den deutschen und den französischen Zweig der Karlssage. Die
Reichsschwächung im späten Mittelalter drängt die
Trojasage in den Hintergrund. Der deutsche Humanismus hat sich
mit der Kritik aus Italien auseinanderzusetzen, die Goten, d.h.
die germanischen Barbaren, seien für den Untergang Roms und
damit der „litterae“, der schriftlichen Überlieferung
der Welt verantwortlich. Dagegen wird ein positiver Germanenmythos
entwickelt; nach dem Vorbild des Tacitus, der jetzt wiederentdeckt
wird, überwältigen die freien und ursprünglichen
Germanen die dekadente Zivilisation des späten Rom, die klassische
Technik der Überbietung, wie sie bereits weiter oben geschildert
wurde. Ulrich von Hutten hat Arminius erstmals zum Helden dieses
Mythos gemacht. Beibehalten wurde die genealogische Ableitung,
die Germanen häufig mit den Griechen gleichgesetzt. Hier liegt
auch der Ursprung des deutschen Philhellenismus seit dem 18. Jahrhundert.
Durch die Dominanz der Schriftkultur und ihrer Überlieferung
sowie die Zerstörung oraler und bildlicher Traditionen der
schriftlosen Kulturen durch die christliche Kirche konnte man den
Germanenmythos nur aus dem Blickwinkel der griechischen und vor
allem römischen Quellen konzipieren, also sozusagen aus zweiter
Hand. Eine Rekonstruktion der zerstörten und verballhornten,
bzw. ins Sprachlose gedrängten Reste der schriftlosen Kultur
ist bis heute schwierig, u.a. weil ihr Theorie und Methoden weitgehend
fehlen. Der bessere Teil des neuen humanistischen Germanenmythos
ist zweifellos die Verknüpfung der germanischen Freiheit,
also einer im paradiesischen Naturrecht lebenden Stammeskultur
von edlen Wilden, wie sie später auch von der Aufklärung
bei den Irokesen oder in der Südsee imaginiert wurde, mit
dem griechischen, aber vor allem römischen Konzept der Republik,
das sich vor allem in der deutschen Kommunebewegung fortsetzte
und später in dne Ideen der Mainzer Republik und der Achtundvierziger.
Dieser Anteil wird jedoch überdeckt durch das Festhalten am
schwächelenden Reichsmythos und der Aufladung mit rebellischer
Wut aus dem Milieu der Modernisierungsverlierer, insbesondere der
Reichsritterschaft um von Sickingen und von Hutten. Das sind die
Bausteine dessen, was Helmuth Plessner als „verspätete
deutsche Nation“ oder Hans Magnus Enzensberger als Schreckenszenario
radikaler Verlierer skizzieren. Parallel zum Germanenmythos behielt
allerdings die Habsburger Dynastie den Trojamythos bis ins 16.
Jahrhundert bei – eine zersplitterte Landschaft der Ursprungsmythen
insbesondere im Deutschland der Neuzeit also.
Neben dem trojanisch-römischen Ursprungsmythos war auch der
biblische Mythos prägend für die Definition kollektiver
Identität im Mittelalter. Hier ging es vor allem um die Fragen
der Ethnogenese und Sprachenvielfalt nach dem Turmbau zu Babel
und der Rückbesinnung auf eine universelle Ursprache, die
man weitgehend mit dem Hebräischen als der heiligen Sprache
der Bibel gleichsetzte. Damit verbunden war die Dominanz der Buchreligion
und damit der Wissenschaftstradition mit ihrem vorrangigen Bezug
auf schriftliche Quellen und eine hermeneutische Methodik der Quellenauslegung.
Auch hier gab es seit dem Sturm und Drang deutsche Gegenentwürfe,
die der deutschen Sprache eine Nähe zur Ursprache – verbunden
mit einer positiven Beurteilung schriftloser Kulturen – zuschrieben.
In ihrem Buch „Arbeit am nationalen Gedächtnis“ (1993)
verweist Aleida Assmann sogar auf das erstmals von Goethe angedachte
Projekt eines deutschen Volksbuches, das wie die Bibel in der jüdischen
Tradition deutsche Identität konstituieren sollte und schließlich
1905 in Wilhelm Schwaners wenig erfolgreichem Projekt einer auf
völkische Inhalte geschrumpften „Germanen-Bibel“ eine
Fortsetzung fand. Man orientierte sich also auch hier – wie
beim Trojamythos - an kulturell dominanten Konzepten bekannter
Kulturen und tauschte lediglich die Inhalte aus.
Auch wenn die Bausteine der Ursprungsmythen
verschieden sind, sei es bei Marx oder bei Freud, bei Ulrich
von Hutten oder Goethe,
im Darwinismus oder im biologistischen Rassismus – und auf
die inhaltlichen Bausteine kommt es natürlich ebenso an wie
auf die Form -, so ist doch auf jeden Fall festzuhalten, dass die
Sage vom Ursprung bis heute eine ungebrochen starke Wirkung auf
Menschen hat und aus der Konstruktion kollektiver Identitäten
nicht wegzudenken ist. Aleida Assmann hält fest: „Die
Frage nach den Ursprüngen ließ sich nicht so einfach
beseitigen, wie es die Aufklärer und Emanzipationswilligen
gehofft hatten. Herkunftsdenken und Origo-Konstruktionen kehrten
mit Vehemenz zurück. In dem Maße, wie die Werte der
Herkunft und Abstammung wieder zur Geltung kamen, verlor die aufklärerische
Bildungsidee an Zustimmung. Patriotismus kippte um in Nationalismus,
das Autonomie-Ideal in kollektive Bildungsbereitschaft, Selbsterziehung
in normatives Deutschtum.“ (S.88) Was historisch richtig
beschrieben ist und auf dem Hintergrund einer Zeitenwende vom Jahrtausende
alten Leitbild der Rückbindung zum Leitbild des Fortschritts
auch mehr als nachvollziehbar erscheint, ist meiner Meinung nach
aber im theoretischen Ansatz selbst allzu sehr der nicht dialektisch
betrachteten Fortschrittsideologie verhaftet. Erst in neueren Versuche
wie Hartmut Böhmes „Fetischismus und Kultur“ wird
deutlich, dass die Moderne ohne eine eigene Theorie des Woher,
also der Frage nach Herkunft und Schöpfung, und eine phänomenologische
Bewußtseinsbildung der seelisch-geistigen Energien, die in
Dingen und Personen stecken, propagandistischer Willkür ausgeliefert
ist.
Das schlägt die Brücke zur Frage des Selbsthasses und
seiner Folgen. Das Nicht-Wissen nämlich um schriftlose Überlieferung,
ihre Formen, ihre Verballhornungen und ihre Verdrängungen
kann den durch erzwungene Anpassung geschürten Selbsthass
leicht in Überbietungsphantasien und Fremdenhass umschlagen
lassen. Boris Groys hat in seinem Vorwort zu Theodor Lessings erstmals
1930 erschienenem Buch „Der jüdische Selbsthass“
versucht, als Parallele zu Lessings Konzept einen europäischen
Selbsthass zu beschreiben und damit den tief sitzenden und auf
den nüchternen Beobachter irreal wirkenden Antisemitismus
zu erklären: „Natürlich war Europa sich in tiefster
Seele stets bewusst, dass es seine Kultur aus zweiter Hand hatte, übernommen
von einem anderen Volk. Daher rührt auch der hysterische Antisemitismus
der Europäer, der wenig zu tun hat mit jener mäßigen
Gereiztheit und Missgunst, die ein Volk einem anderen gewöhnlich
entgegenbringt...Aus den Tiefen der europäischen Seele steigt
der Antisemitismus stets dann auf, wenn diese Seele in sich selbst
nicht den geistigen Ursprung jener Kultur findet, zu der sie sich
bekennt und die sie nur deshalb ihr eigne nennt, weil sie keine
andere Kultur hat...Die Europäer sind immer nostalgisch und
in ihrer Nostalgie aggressiv, weil sie jene Heimat, nach der sie
sich sehnen, nie hatten – diese Heimat gehört einem
anderen Volk, gehört den Juden. Kehrt der kulturbewusste Europäer
seinen Blick tief nach innen, so findet er dort einen anderen – den
Juden. Außer dem Juden existiert in der Seele des Europäers
nur das reine Nichts, die aggressive Ödnis – ein Erbe
jener öden Wüsten Asiens, aus denen die Europäer
wie aus dem Nichts, aus der historischen Bewusstlosigkeit kamen,
um sich Fremdes anzueignen.“ (XVIII/XIX) Wie ich oben gezeigt
habe, ist es nicht nur die jüdische Tradition, die substantieller
Teil der europäischen und mithin der deutschen Kultur ist,
sondern auch die antike Traditon. Nicht nur insofern formuliert
Groys überspitzt. In der Form noch mehr als im Inhalt dominiert
in unserer Kultur, wie Groys richtig spürt, die Tradition
der Buchreligion mit ihren Tabus, auch im Säkularen. Aber
natürlich gibt es auch die Überlieferung der eigentlich
schriftlosen Kulturen, sei es in Quellen der Antike, sei es in
der kollektiven Erinnerung der Familien, sei es in Bildern und
Verhaltensweisen, sei es in durchaus globalen Strukturen wie denen
des Personenverbands. Es ist daher weder sinnvoll, das deutsche
wie das europäische Erbe per Leitbild auf jüdisch-christliche
und evtl. noch antike Tradition zu beschränken, vielleicht
sogar im missionarischen Eifer, noch ist es sinnvoll, überbietende
Gegenentwürfe dazu zu konstruieren, schon gar nicht wenn man
die Formen der Schriftkultur imitiert. Die deutsche Identität – als
ein Teil der europäischen Identität – basiert auf
einer Mischkultur, deren Elemente zunächst einmal phänomenologisch
unvoreingenommen wahrgenommen werden können, seien sie schriftlichen
oder anderen Überlieferungsformen verdankt. Die Leistung besteht
gerade in der Fähigkeit zur Akkulturation, zur Neuschöpfung,
zum bewussten Spiel und neuer Zielsetzung der Bausteine jeglicher Überlieferung.
Deutschland als sprachlich-kulturelle und politische Gemeinschaft
in der Mitte Europas hat diese Funktion der Vermittlung stets in
besonderem Maße geleistet und war auch dann, wenn dies glückte,
Beispiel und Anreger für andere Kulturen. Es gibt genügend
Bilder und Vorbilder für diese Rolle in der deutschen Kulturgeschichte:
die Idee der deutschen Freiheit im republikanischen Sinne, die
Idee der pädagogischen Provinz in der deutschen Klassik, die
Utopie von der Gynaikokratie, also der Herrschaft der Frauen, um
nur einige zu nennen. Und insbesondere die Burgunder – durch
das Nibelungenlied und seine Rezeption zum Teil deutscher Identität
geworden - haben hier Beispielhaftes geleistet. In seinem Burgunderbuch
(2004) schreibt Reinhold Kaiser, je nach Perspektive des Historikers
werde die Geschichte der Burgunder als misslungene germanische
Reichsgründung oder aber als gelungener Assimilationsprozess
beschrieben. Gregor von Tours schrieb um 500. König Gundobad
habe „unter den Burgundern mildere Gesetze aufgerichtet,
dass die Römer nicht von ihnen unterdrückt würden.“ (nach
Kaiser, S. 207). Ist also der Untergang der Burgunder in Wahrheit
ein Bild gelungener Integration, aus dem in der Geschichte keine
politischen, aber doch viele kulturelle Impulse erwuchsen, denkt
man an Cluny, an Citeaux oder an die höfische Kultur des Spätmittelalters
in Burgund, schließlich an die immer noch fesselnde Dramaturgie
des Nibelungenlieds? Genau das haben diese Reiter aus den keinewegs öden
und kulturlosen Steppen Asiens fertig gebracht: kulturelle Verschmelzungsprozesse,
die im stets neuen Versuch Innovation möglich gemacht haben,
eine allemal lohnende Alternative zu den aggressiven Leitbildern
ausschließender und hierarchisierender Ursprungsmythen, seien
sie geliehen oder als nationale Gegenentwürfe neu konstruiert.
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zur Vita von Volker Gallé auf einer separaten Seite
Dokumentation:
"Zum
Selbstverständnis der Deutschen"
- Vorträge im Kulturprogramm
der Nibelungenfestspiele -
am 13. August 2006 im Heylshofpark, Worms
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Bildbeschreibung: (v.l.n.r.)
Dr. Wolf-Gerhard Schmidt, Volker Gallé und Christian
Liedtke.
Foto: © www.radio-luma.net
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Die Vorträge im Einzelnen:
- "Die
Sage vom Ursprung: Selbsthass und seine Folgen" -
Volker Gallé (Worms)
|
- "Kelten,
Germanen und Skandinavier – deutsche Identität
in der Literatur zwischen Aufklärung und Romantik" -
Dr. Wolf Gerhard Schmidt (Eichstätt)
|
- "Heine
und die Deutschen" - Christian Liedtke
(Düsseldorf)
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zur Startseite der Dokumentation aller Vorträge im Themenfeld "Zum Selbstverständnis
der Deutschen "
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Bildbeschreibung: WORMSER
RUNDE 2005 - (v.l.n.r.): Prof.
Dr. Paul Nolte, Prof. Hark Bohm, Dr. Dieter Wedel und
John von Düffel - Foto: © Rudolf
Uhrig
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