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"Zum Selbstverständnis
der Deutschen" O-Ton und Textfassung
des Vortrags von Christian Liedtke: - Ein Vortrag im Kulturprogramm der Nibelungenfestspiele: "Zum Selbstverständnis der Deutschen" -
Die originale Tonaufnahme des Vortrages in drei Größen als mp3-Datei: 48
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URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/130806_vortrag_christian_liedtke_96.mp3 192
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URL: http://www.o-ton.radio-luma.net/mp3/130806_vortrag_christian_liedtke_192.mp3 _______________________________________________________ Textfassung des Vortrags: Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Sommer 2006 hat uns nicht nur die Fußballweltmeisterschaft beschert, sondern in ihrem Schlepptau auch ein bizarres diskursives Phänomen zutage gefördert: die sogenannte „Patriotismusdebatte“, die eine zeitlang durch die Medienlandschaft geisterte. Sie entzündete sich unter anderem an Dingen wie dieser luftigen schwarz-rot-gelben Hawaii-Kette, wie sie vielleicht auch der eine oder andere von Ihnen hier im Saal während der WM gelegentlich um den Hals hatte – vermutlich aber meist ohne sich dabei so tiefgründige Gedanken über sein Verhältnis zur Nation zu machen, wie die Feuilletonisten das getan haben. Das moralische Gewicht dieser Debatte, das so gar nicht zur Leichtigkeit dieses sommerlichen WM-Accessoires passt, rührt natürlich von der Bezugnahme auf die Zeit des Nationalsozialismus her, die eigentümliche Schwere aber, mit der sie geführt wurde, verrät zugleich auch ihre Nähe zu einer ganz anderen Epoche: nämlich dem 19. Jahrhundert und damit sozusagen zur „Mutter aller Patriotismusdebatten“ in Deutschland. Heinrich Heine ist Zeuge und Protagonist, Prophet und Opfer jener historischen Patriotismusdebatte sowie ihrer Folgen. In einer Vortragsreihe über das Selbstverständnis der Deutschen darf sein Name darum nicht fehlen, und das gewiß nicht einfach nur deswegen, weil man in diesem Jahr seinen 150. Todestag begangen hat. Ich freue mich daher, daß ich die Gelegenheit habe, Ihnen hier einige Gedanken Heines zum Thema Deutschland, Nationalität und Patriotismus vorzustellen, einem Thema, das Deutschlands amüsantesten und umstrittensten Klassiker, der während seiner langen, problematischen Wirkungsgeschichte so oft als „undeutsch“ verfemt wurde, ein Leben lang beschäftigte. Meine Ausführungen haben zwei Schwerpunkte: die Ansichten des jungen Heine, des Studenten zu Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts, und seine Rolle als moderner, kosmopolitischer Patriot, als Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich in den dreißiger und vierziger Jahren. Die Farben dieser Kette hier haben Heine nie besonders gut gefallen. „Der alt germanische Plunder“ (DHA III, 240 [Anm.1]) sei die schwarz-rot-goldene Fahne, befand er und schrieb, ihr Auftauchen sei stets ein sicheres Anzeichen dafür, daß entweder „ein Unglück oder eine Dummheit“ (DHA XII, 199) bevorstünde, und manchmal sogar beides. Diese Abneigung hängt vor allem mit Heines Verhältnis zur Burschenschaft zusammen, denn für ihn sind dies eben vor allem die Farben der Burschenschaft, die diese um 1815 aus dem Wappen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation für sich übernommen hatte. Die „Teutomanie“ und den „Phrasenpatriotismus“ (HSA XXII, 36) [Anm.2] der Burschenschaft lehnte er stets ebenso ab wie ihre Orientierung an der Vergangenheit – und doch war der Umgang mit der nationalen Einheitsbewegung, die in jener Zeit vor allem durch die organisierte, patriotisch bewegte Studentenschaft getragen wurde, entscheidend für seine politische Sozialisation und die Entwicklung seiner Grundhaltung zu nationalen Fragen. Als der junge Heine im Herbst 1819 in Bonn sein Studium aufnimmt, gerät er in ein aufgeregtes, „politisiertes“ Umfeld. Die Universitäten bilden das Zentrum der diffusen nationalen Befreiungsbewegung, die mit dem Krieg gegen die französische Besatzung entstanden war. Nach dem Sieg über die Franzosen ist die damit verbundene vaterländische Begeisterung nun aber nicht mehr opportun und wird von der preußischen Regierung mit allen Mitteln bekämpft, denn der aufwallende Patriotismus enthält auch ein revolutionäres und für Preußen staatsgefährdendes Potenzial: Er drückt schließlich den Willen eines selbstbewußter gewordenen Bürgertums aus, an der Gestaltung der politischen Realität teilzuhaben. Die Burschenschaft wird in dieser Zeit zum Sammelbecken der Unzufriedenen und Erneuerungswilligen. Durch ihre landsmannschaftlich übergreifende Organisation repräsentiert sie den Willen zur staatlichen Einheit Deutschlands. Eine ihrer Symbolfiguren ist der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt, den Heine in Bonn als Professor erlebt. Er verkörpert beispielhaft das Gemisch der verschiedenartigen politischen Tendenzen der Burschenschafter, ihren Haß auf Frankreich, ihren aggressiven Nationalismus, aber auch ihr Eintreten für eine Verfassung, für Rede- und Pressefreiheit. Der Student Heine lernt also aus erster Hand die beiden Elemente kennen, die den Verlauf der deutschen Geschichte in den folgenden Jahrzehnten prägen: das Streben nach nationaler Einheit und nach politischer Emanzipation. Zu Beginn von Heines Studium ist die Lage an der Universität äußerst gespannt. Im Zuge der sogenannten Demagogenverfolgungen nach dem Attentat auf Kotzebue durch den Jenaer Studenten Sand ist die Burschenschaft verboten, Polizeispitzel überwachen die Bonner Professoren wie Studenten scharf. Der Studienanfänger Heine fühlt sich einig mit der oppositionellen Mehrheit der Studentenschaft und tritt der Verbindung „Allgemeinheit“ bei, der etwa die Hälfte aller Bonner Studenten angehört. Sie unterscheidet sich allerdings stark sowohl von den burschenschaftlich als auch von den landsmannschaftlich organisierten Verbindungen. Ihre Aufnahmebedingungen sehen weder nationale noch konfessionelle Beschränkungen vor, und der Literaturhistoriker Walter Kanowsky schreibt:
Das ist sozusagen das Minimum, das nach dem Verbot der Burschenschaft überhaupt noch möglich ist. Dennoch ist auch die „Allgemeinheit“ keineswegs unpolitisch. Am 18. Oktober 1819 veranstaltet sie eine Feier zum Gedenken an die Leipziger Völkerschlacht, mit Fackelschein, patriotischen Liedern und Reden. Auch Heine nimmt daran teil, und das trägt ihm seine ersten Begegnung mit der preußischen Obrigkeit ein, denn im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen wegen dieser Feier wird auch er vor das Universitätsgericht zitiert. Das Vernehmungsprotokoll zeigt deutlich, daß Heine nur ausweichend und vage Auskunft gibt, und das ist ein klares Zeichen seiner Solidarität mit den Kommilitonen. Auch er fühlt sich als Patriot, als oppositioneller Patriot, und möglicherweise ist sein besonderes Verständnis von Vaterlandsliebe, wie es sich später immer wieder äußert, zu einem guten Teil geprägt worden durch seine Zeit in Bonn mit ihrer besonderen Atmosphäre. Denn Patriotismus bedeutet nach seinem Verständnis in erster Linie ein soziales Gefühl, Ausdruck der Verbundenheit mit einer Gemeinschaft, nicht jedoch Abgrenzung gegen andere und „Nazionalselbstsucht“ (DHA VI, 37). Jahre später beschreibt er diesen wichtigen Unterschied so:
Diese „enge“, nationalistische Ausrichtung der Burschenschaftsbewegung lernt Heine erst im späteren Verlauf seines Studiums, in Göttingen und Berlin, wirklich kennen, und seitdem bekämpft er sie. Allerdings zeigt sich bei ihm auch in Bonn durchaus schon eine gewisse spöttische Ablehnung der burschenschaftlichen Rhetorik, etwa wenn er in dem Verhör vor dem Universitätsgericht auf die Frage nach dem Zusammenhang der bei der Feier gehaltenen Reden antwortet: „In der ersten Rede konnte ich keinen Zusammenhang finden und den Zusammenhang der zweiten Rede kann ich nicht angeben, weil ich mich nicht erinnere.“ [Anm.4] Zu Heines Studienzeit war mit der Romantik auch ein neues Interesse an der älteren deutschen Geschichte und Literatur entstanden, das sich im Lehrplan der Universität niederschlägt. Heine teilt dieses Interesse, er und seine Kommilitonen hören Vorlesungen mit Themen wie „Urgeschichte der Deutschen“ oder „Germanisches Staatsrecht des Mittelalters“. Am wichtigsten sind für sie jedoch Sprache und Literatur. Nachdem Heine an die Universität Göttingen gewechselt ist, beklagt er in einem Brief an einen Bonner Kommiltonen, daß dort ein „Kollegium über altdeutsche Sprache“, das in Bonn gewiß den ganzen Hörsaal gefüllt hätte, kaum Resonanz findet:
Eine ganz besondere Rolle spielt in dieser Zeit natürlich das Nibelungenlied. In Bonn gehört August Wilhelm von Schlegels Vorlesung über das Nibelungenlied zu den am besten besuchten Lehrveranstaltungen überhaupt, sie ist ein gesellschaftliches Ereignis, schließlich hat Schlegel maßgeblichen Anteil an der Wiederentdeckung des Nibelungenlieds aus dem Geist der Romantik und an dessen Erhebung zu einer Art deutschem Nationalepos. Auch der junge Heine hört Schlegels Vorlesung, und wie stark er und die anderen Studenten davon beeindruckt sind, zeigt etwa das lange Freundschaftsgedicht mit dem Titel „Die Nibelungen. An Heinrich Heine“, das sein Kommilitone Johann Baptist Rousseau ihm widmet. Aber bei aller Begeisterung: darüber, wie die altdeutsch gesinnten Burschenschafter das Nibelungenlied zu einem nationalen Symbol, zu einer Art Glaubensbekenntnis machen, spottet schon der junge Heine. In einem Brief jammert er 1824 darüber, daß ihm das Lateinische im Studium so schwerfällt und beklagt darum scherzhaft die Niederlage der Römer im Teutoburger Wald:
Lange später, in seiner Abhandlung „Die romantische Schule“, in der Heine dem französischen Publikum die deutsche Literaturgeschichte nahezubringen versucht, charakterisiert er das Nibelungenlied dann so:
Auffallend an dieser Beurteilung ist zweierlei: zum einen die Tatsache, daß Heine hier nicht den vermeintlich heroischen Charakter des Nibelungenliedes hervorhebt, der im Mittelpunkt der Germanen-Heldenverehrung so vieler seiner Zeitgenossen steht, sondern daß er vielmehr die poetischen Qualitäten des Textes betont. Und zum anderen ist es bedeutsam, daß er nicht in den Chor derer einstimmt, die das Nibelungenlied als vorbildhaft und identitätsstiftend für eine deutsche Nationalität ansehen, sondern daß er es vielmehr als Teil des kulturellen Erbes der gesamten Menschheit darstellt und noch dazu gewiß nicht zufällig in einem Atemzug mit einem alttestamentarischen Text nennt. Diese erweiterte Perspektive, die die Wertschätzung für „das Deutsche“ gerade nicht durch die Beschränkung auf das Eigene, Nationale begründet, sondern sozusagen durch den „internationalen Blick“, ist charakteristisch für Heine, nicht nur im Hinblick auf die Literatur. Trotz der patriotisch-romantischen Begeisterung der Bonner Semester bleibt seine Haltung zur nationalen studentischen Bewegung ablehnend. 1823 bekennt er:
In der Tat war auf dem geheimen Burschentag 1820 in Dresden beschlossen worden, Juden „als solche, die kein Vaterland haben und für unseres kein Interesse haben können“ [Anm.5], aus der „christlich-teutschen“ Burschenschaft auszuschließen, und vermutlich ist Heine unmittelbar danach, während seines ersten Göttinger Studiensemesters, aus der Burschenschaft hinausgeworfen worden. Daß ihm sein Deutsch-Sein abgesprochen wird, ist quälend, denn, so schreibt der junge Heine:
Von Anbeginn seiner Dichterlaufbahn war Heine bewußt, daß er sich als Jude exponieren würde und sich dem teils latenten, teils offenen Antisemitismus aussetzen würde, der zu dieser Zeit in Deutschland herrscht. Deutscher Jude zu sein ist schwer, denn statt Emanzipation bleibt oft nur die Assimilation: „Der Taufzettel ist das Entre Billet zur Europäischen Kultur“ (DHA X, 313), notierte Heine ebenso treffend wie bitter. Diese Erfahrung teilt er mit den Freunden aus dem „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“, dem er während seines Berliner Studienabschnittes beitritt. Gegründet unter dem Eindruck antisemitischer Krawalle ist der „Verein“ aber keine traditionalistische Wagenburg – im Gegenteil. Dieser Zusammenschluß junger Akademiker hat sich zum Ziel gesetzt, auf ein modernes, in die säkularisierte Gesellschaft integriertes, selbstbewußtes und emanzipiertes Judentum hinzuarbeiten. In religiösen Dingen versteht Heine sich zu dieser Zeit als „Indifferentist“ (HSA XX, 82), wie er schreibt, aber er läßt keinen Zweifel daran, daß er stets „für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthousiastisch sein werde“ (HSA XX, 107). Beständig warnt er später davor, die Judenemanzipation isoliert von der übrigen politischen Entwicklung zu betrachten. Es ist seine lebenslange Überzeugung – so schreibt er später im Nachruf für einen der Freunde aus dem Verein –, daß die Juden „ [...] erst dann wahrhaft emanzipirt werden können, wenn auch die Emanzipation der Christen vollständig erkämpft und sichergestellt worden. Ihre Sache ist identisch mit der des deutschen Volks, und sie dürfen nicht als Juden begehren, was ihnen als Deutschen längst gebührte.“ (DHA XIV, 274) Das hat in seinen Augen nicht nur politische Gründe, sondern noch viel tiefer gehende. Heine erkennt eine „innige Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen“. Diese, so meint er,
Dieses moderne Prinzip sei der Kosmopolitismus, der an die Stelle des nationalstaatlichen Denkens treten werde. „Griechen und Römer“ schreibt er, „hingen begeistert an dem Boden, an dem Vaterlande. […] an die Stelle des antiken Patriotismus trat im Mittelalter die Vasallentreue, die Anhänglichkeit an die Fürsten. Die Juden aber, von jeher, hingen nur an dem Gesetz, an dem abstrakten Gedanken [...].“ (DHA X, 125f.) Und „das Herrlichste und Heiligste [...], was Deutschland hervorgebracht hat“ ist nach seiner Auffassung „jene Humanität, [...] jene[r] Cosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben.“ (DHA VIII, 141) Diesen voranzutreiben, ist nach Heines Auffassung die eigentliche moderne Bestimmung Deutschlands. Der Fortschritt in dieser Hinsicht ist eines der wichtigsten Kriterien, nach denen Heine die politische Entwicklung in Deutschland beurteilt. Daher rührt seine grundlegende Skepsis gegenüber der deutschen Opposition, die sich zum Beispiel in seiner Sicht auf das Hambacher Fest von 1832 zeigt. In dieser Großdemonstration für die deutsche Einheit und für eine deutsche Verfassung sehen viele Liberale ein Zeichen der Hoffnung. Heine hingegen beobachtet: „im Heere der deutschen Revoluzionsmänner wimmelte es von ehemaligen Deutschthümlern, [...] die Worte ‚Vaterland, Deutschland, Glauben der Väter usw.‘ elektrisiren die unklaren Volksmassen noch immer weit sicherer als die Worte: Menschheit, Weltbürgerthum, Vernunft der Söhne, Wahrheit...!‘“ (DHA XI, 84f.) Und als er in der Revolution von 1848 bemerkt, wie die Repräsentanten der Nationalität gegenüber den Repräsentanten des Kosmospolitismus die Oberhand behalten, verliert er alle Hoffnung auf eine politische und soziale Erneuerung durch die nationalliberale deutsche Opposition, da das Streben nach staatlicher Einheit weniger von freiheitlichem Geist als vielmehr von altbekannten nationalistischen und restaurativen Tendenzen geprägt ist. Immer wieder weist Heine darauf hin, daß in Deutschland die nationale Richtung – im Unterschied zu anderen europäischen Ländern politisch meist reaktionär ist, der bestehenden Ordnung dient und eben nicht der Emanzipation. Das zeigt für ihn das Beispiel der sogenannten Befreiungskriege ganz deutlich, die er gar nicht als heroischen Kampf beschreibt:
In seinen berühmten „Englischen Fragmenten“ von 1828 charakterisiert Heine das Verhältnis, das verschiedene europäische Völker zur Freiheit haben. Er schildert die Überfahrt nach England und die Begegnung des Erzählers mit einem Mitreisendenden, der erklärt:
In Heines restaurativer deutscher Gegenwart ist aber für solche Träume kein Raum, und der Dichter der Liebe und der Revolution, der immer heftiger durch die Zensur von der staatlichen Obrigkeit verfolgt wird, geht nach der Juli-Revolution von 1830 ins Pariser Exil. Die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts ist für ihn Fluchtpunkt und Traumziel zugleich und bleibt doch stets ein Exil, ein „goldenes Elend mit weißen Glaceehandschuhen“ (DHA XI, 115). Kaum ein anderer ausländischer Schriftsteller hat je eine solche Anerkennung und Aufnahme in Frankreich gefunden wie Heine. Balzac bescheinigt ihm, er repräsentiere „in Paris den Geist und die Poesie Deutschlands“ sowie in Deutschland „die lebendige und geistreiche französische Kritik“ (HSA XXVI, 125), und Alexandre Dumas soll gesagt haben: „Wenn Deutschland Heine nicht will, nehmen wir ihn gerne an, aber unglücklicherweise liebt Heine Deutschland mehr, als es das verdient.“ [Anm.6] Fünfundzwanzig Jahre lange lebt Heine in Frankreich, er läßt sich nie in dort naturalisieren, und seine „große Vorliebe für Deutschland“, die, wie er an seinen Verleger nach Hamburg schreibt, in seinem Herzen „grassirt“ (HSA XX, 92), bildet zusammen mit dem „Haß gegen die Nationalisten“ eine Konstante in Heines politischem Denken wie in seinem subjektiven Empfinden. Den, wie ich finde, schönsten Ausdruck hat diese „Vorliebe“ in den folgenden kurzen Versen gefunden:
Seine besondere Stellung in Frankreich prädestiniert Heine für das, was er als die große Aufgabe seines Lebens betrachtet, nämlich, am Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich zu arbeiten. „Wenn wir es dahin bringen, daß die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr von den Lohnschreibern der Aristokratie zu Haß und Krieg verhetzen [...], und wir erlangen Friede und Wohlstand und Freyheit. Dieser Wirksamkeit bleibt mein Leben gewidmet; es ist mein Amt“ (DHA XII, 65), formuliert er 1832. Den Rahmen dafür hatte er bereits vor seiner Übersiedlung abgesteckt, mit seiner interessanten These von der geheimen philosophisch-politischen Einheit von Deutschland und Frankreich:
Dem entsprechen die Themen seiner schriftstellerischen Vermittlungstätigkeit: nach Deutschland berichtet er fortan als Journalist über die praktischen, politischen Ereignisse, und den Franzosen versucht er das geistige Leben der Deutschen bekannt zu machen, indem er in französischen Zeitschriften, aber auch in Buchform, über die deutsche Philosophie und Literatur schreibt. Diese Essays faßt er 1835 in einem Buch zusammen. Er nennt es „Del'Allemagne“ und wählt damit bewußt denselben Titel, den auch das berühmte Buch der Madame de Staël trägt – „aus polemischer Absicht“ (DHA XV, 15), wie er selbst sagt. Ihr „De l'Allemagne“ war 1813 erschienen und hat das französische Deutschland-Bild nachhaltig geprägt: als Land der Romantik, als „Volk der Dichter und Denker“. Heine kritisiert diese Darstellung grundlegend und hält ihr nun sein eigenes Deutschland-Bild entgegen, mit anderen Traditionen:
Madame de Staël vermerkt kategorisch, „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ [Anm.7], und während sie diese als „metaphysische Nation“ [Anm.8] darstellt, legt Heine das emanzipatorische Potential der idealistischen deutschen Philosophie offen und prophezeiht eine deutsche Revolution aus dem Geiste der Philosophie:
In der Vorrede zu seinem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ verteidigt Heine diese Ansichten ausdrücklich gegen „das Mißfallen“ der „Deutschtümler“ und „Pharisäer der Nazionalität“, dieser „heldenmüthigen Lakayen in schwarz-roth-goldner Livree“, und schreibt:
Heinrich Heine dachte modern und „trans-national“. Er liebte seine Heimat, ihre Sprache und ihre Kultur. Als Künstler kannte er die Macht nationaler Symbole, und es gelang ihm virtuos, mit solchen Symbolen zu spielen und sie in seinem eigenen, modernen Sinne zu verfremden. Darum glaube ich: Ein ironisches Stück Fußballfankultur wie diese Hawaii-Kette hier, die heimisches Schwarz-Rot-Gold mit exotischem Südsee-Flair kombiniert, hätte ihm vielleicht gefallen. __________________________________________________________ ANMERKUNGEN [Anm.1] Heines Werke werden zitiert nach Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. In Verbindung mit dem Heinrich-Heine-Institut hg. von Manfred Windfuhr im Auftrag der Landeshauptstadt Düsseldorf. Bd. 1-16. Hamburg 1973-1997 [im folgenden abgekürzt: DHA]. Zitatnachweise erfolgen im Text, die römische Ziffer gibt den Band, die arabische die Seite an. Die DHA ist vollständig online verfügbar im Heinrich-Heine-Portal, URL extern: http://www.heine-portal.de (dort in der Rubrik „Werke“). [.. zurück in den Text] [Anm.2] Heines Briefe werden zitiert nach Heinrich Heine: Werke, Briefwechsel, Lebenszeugnisse. Säkularausgabe. Hg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und dem Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. Bd. 20-27. Berlin, Paris 1970-1984 [im folgenden abgekürzt: HSA] in der vollständig überarbeiteten Fassung des Heinrich-Heine-Portals, URL: http://www.heine-portal.de (dort in der Rubrik „Briefwechsel“). Zitatnachweise erfolgen im Text, die römische Ziffer gibt den Band, die arabische die Seite an. Es gilt der Wortlaut des Heine-Portals. [.. zurück in den Text] [Anm.3] Walter Kanowsky: Vernunft und Geschichte. Heinrich Heines Studium als Grundlegung seiner Welt- und Kunstanschauung. Bonn 1975, S. 7f. Vgl. auch Christian Liedtke: Schlegel, Byron, Drachenfels. Harry Heine an der Universität Bonn. In: Auf den Spuren Heinrich Heines. Hg. von Ingrid Hennemann Barale und Harald Steinhagen. Pisa 2006. S. 19-39. Für weiterführende Literatur zu Heine allgemein vgl. etwa Klaus Briegleb: Bei den Wassern Babels. Heinrich Heine, jüdischer Schriftsteller in der Moderne. München 1997; Jan-Christoph Hauschild / Michael Werner: „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst.“ Heinrich Heine. Eine Biographie. Köln 1997; Gerhard Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. 3. überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart 2004; Christian Liedtke: Heinrich Heine. Reinbek 2006 [Anm. d. Red.: Buchbeschreibung hier im Archiv auf einer separaten Seite]; zum Thema dieses Vortrags vgl. auch: Walter Hinck: Die Wunde Deutschland. Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus. Frankfurt a.M. 1990; Renate Stauf: Der problematische Europäer. Heinrich Heine im Konflikt zwischen Nationenkritik und gesellschaftlicher Utopie. Heidelberg 1997. [.. zurück in den Text] [Anm.4] Zit. nach Begegnungen mit Heine. Berichte der Zeitgenossen, hg. von Michael Werner in Fortführung von H. H. Houbens „Gespräche mit Heine“, Hamburg 1973 [im folgenden abgekürzt: Werner/Houben], Bd. I, S. 37. [.. zurück in den Text] [Anm.5] Eberhard Galley: Heine und die Burschenschaft. Ein Kapitel aus Heines politischem Werdegang zwischen 1819 und 1830. In: Heine-Jahrbuch 11 (1972), S. 66-95, hier: S. 71. [.. zurück in den Text] [Anm.6] Werner/Houben I, S. 409. [.. zurück in den Text] [Anm.7] Anne Germaine de Staël: Über Deutschland. Vollständige und neu durchgesehene Fassung der deutschen Erstausgabe von 1814. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Monika Bosse. Frankfurt a. M. 1985. S. 35. [.. zurück in den Text] [Anm.8] Ebd., S. 554. [.. zurück in den Text] __________________________________________________________ .. zur Vita von Christian Liedtke auf einer separaten Seite ___________________________________ Weitere Informationen hier im Archiv:
___________________________________ Dokumentation: "Zum
Selbstverständnis der Deutschen" Die Vorträge im Einzelnen:
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Weitere Informationen zur Veranstaltung im Internet: Die Internetpräsenz der Stadt Worms erreichen Sie unter: www.worms.de. Die Startseite der
Nibelungenfestspiel gGmbH erreichen Sie unter: www.nibelungenfestspiele.de.
Veröffentlichung dieser Seite am 16. September 2006 |
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