Logo www.o-ton.radio-luma.net und Link zur Startseite. Das Logo zeigt drei Piktogramme. Dies sind urprünglich Gebotsschilder der Berufgenossenschaften für Augenschutz, Ohrenschutz sowie Staub- bzw. Atemschutz. Diese kreisrunden Gebotsschilder sind zu einem vereint montiert. Dies ist als ironische Anspielung auf die drei Affen: Ich sehe nichts - Ich höre nichts - Ich sage nichts, zu verstehen.

Das offene Archiv mit
originalen Tondokumenten vom
UNABHÄNGIGEN MEDIENDIENST
FÜR EINE NEUE SACHLICHKEIT
IN DER GESELLSCHAFT


 
 
 
 

:: Startseite

:: Presse-
konferenzen

:: Diskussionen

:: Vorträge

:: Interviews

::Tagungen/
Kongresse

:: Preis-
verleihungen

:: Tipps zum
Hören

:: Nutzungs-
bedingungen

Link zur Erklärung vom Logo: www.radio-luma.net ABSOLUT werbefrei

 

.. zum Seitenende

Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung 2005:
"Politik und Vertrauen"
Prof. Dr. Gesine Schwan
am 12. Dezember 2005 in der Universität Stuttgart

Eine Veranstaltungsreihe der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus
in Kooperation mit der Universität Stuttgart

- Es gilt das gesprochene Wort -

Prof. Dr. Gesine Schwan

Vertrauen und Politik

Eine theoretische Grundlegung

 

1.

Wenige Begriffe haben in der letzten Zeit eine größere Konjunktur gehabt als das Wort Vertrauen. Johannes Rau widmete seine Abschiedsrede im vergangenen Jahr diesem Thema und unterstrich den dringenden Bedarf, in der deutschen wie der internationalen Politik Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. In der letzten Zeit hat sich die Debatte auf die am 1.Juli im Bundestag gestellte Vertrauensfrage des Bundeskanzlers und die daran geknüpften verfassungsrechtlichen Fragen zugespitzt. Empirische Belege für die Bedeutung von Vertrauen für eine gelingende Demokratie, aber auch für eine gelingende Marktwirtschaft werden neuerdings sogar in Tageszeitungen veröffentlicht. Eine solche Konjunktur verweist auf ein erhebliches Defizit, gerät aber auch in die Gefahr, Überdruss zu wecken, weil man das Wort nicht mehr hören kann. Eine Hilfe dagegen könnte sein, sich anhand der Ideengeschichte die historische Langfristigkeit und die grundsätzliche Bedeutung des Zusammenhangs von Vertrauen und freiheitlichem Zusammenleben vor Augen zu führen, um die Wiederholungen der Tagesdebatten für einen Augenblick zu verlassen. Oft öffnet die Rückbesinnung auf die Geschichte zudem einen neuen Blick auf die Gegenwart. Dem gilt mein heutiger Versuch.

 

2.

„Gedanken, die nicht auf Definitionen gegründet sind, müssen entweder in einem anderen eigenen Nachsinnen wurzeln, und dann sind sie stets nur Meinungen, oder aber in den Lehren eines anderen, dessen Kenntnis und Wahrheitsliebe außer Zweifel steht. Dann beschäftigen sie sich nicht so sehr mit dem Gegenstand selbst als vielmehr mit dem Menschen, der sie vertritt. Es kann in diesem Fall nur von Glauben und Vertrauen gesprochen werden — von dem Vertrauen in einen Menschen und von dem Glauben sowohl an den Menschen als auch an die Wahrheit seiner Lehre. Der Glaube also birgt zweierlei Meinungen in sich: einmal die über die Lehre eines Menschen, dann die über seinen Charakter. Einem Menschen vertrauen bedeutet, ebenso wie ihm glauben, daß man nicht zweifelt an seiner Wahrheitsliebe. Glaubt man aber an das, was er sagt, so ist damit nur eine Meinung über die Wahrheit seiner Aussage ausgesprochen.“ (Hobbes, 1965, S. 50f.)

Mit dieser Definition von Glauben und Vertrauen grenzt der englische politische Philosoph Thomas Hobbes in seinem berühmten „Leviathan“ das uns hier beschäftigende Phänomen des Vertrauens nicht nur von Wissen und Wissenschaft ab; zugleich markiert er dessen Rückbezug auf die Wahrheit, und zwar sowohl in ihrer persönlichen Dimension — der Wahrheitsliebe des Menschen — als auch in ihrer sachlichen — der Triftigkeit bzw. der Richtigkeit seiner sachlichen Aussage, unabhängig von der persönlichen Vertrauenswürdigkeit des Aussagenden. Er formuliert damit einen definitorischen Zusammenhang, der sich auch in etymologischen oder sprachvergleichenden Herleitungen des Begriffs Vertrauen wiederfindet: Das mittelhochdeutsche „truwen“ heißt: hoffen, glauben, das indogermanische „drou“: Zuversicht hegen, das englische „true“: wahr, und „truth“: Wahrheit, Ehrlichkeit; das damit zusammenhängende „trust“: Vertrauen, Zutrauen, aber auch das Anvertraute. „Das Wort ‘Glaube’ wird im griechischen Neuen Testament pistis, in der lateinischen Vulgata fides genannt, also beide Male: Vertrauen, Treue (...) Im Hebräischen wird ein und dasselbe Wort für Vertrauen und Wahrheit gebraucht.“ (Diesel, 1946, S, 26f.)
Fragt man nach dem Verhältnis, das zwischen dem so definierten Vertrauen und der Politik besteht, so liegt die Annahme nahe, dass das Vertrauen eine zentrale Kategorie zwischenmenschlicher Kommunikation darstellt und dass die Art des menschlichen Zusammenlebens, im Näheren die politische Verfasstheit bzw. Verfassung infolgedessen davon abhängt, ob und in welchem Maße das Zusammenleben durch Vertrauen oder durch Misstrauen geprägt ist. Es liegt auf der Hand, dass Menschen, die einander vertrauen, sich einer viel weniger strikten Ordnung ihres Zusammenlebens unterwerfen müssen, sich gegenseitig mithin eine erheblich größere Freiheit gewähren können als solche, die voller Misstrauen vom anderen vornehmlich Verrat und Gegnerschaft erwarten müssen.
Diesen Zusammenhang zwischen Menschbild und politischer Verfassung unter dem besonderen Aspekt des Vertrauens möchte ich etwas näher beleuchten.

 

3.

Um mit Thomas Hobbes fortzufahren: Sein Satz, dass der Mensch dem Menschen Wolf sei – homo homini lupus –, ist sattsam bekannt. Wichtig jedoch scheint mir, daran zu erinnern, dass das daraus erwachsende zwischenmenschliche Grundverhältnis des gegenseitigen Misstrauens nicht die Folge irgendeiner moralischen Verderbtheit der Menschen, sondern die notwendige Konsequenz schon ihrer sinnlich–materiellen, allerdings auch durch die Sitten geprägten, Konstitution, ihrer alles in Gang setzenden Leidenschaften, ist. Ihnen, dem „Hunger nach Macht, Reichtümern, Wissen und Ansehen“ (Hobbes, 1965, S. 57), verdankt unser Verstand nämlich zuallererst seine Kraft. Ohne sie mag man „zwar ein redlicher Mensch sein, der nirgendwo Anstoß erregt“; man „kann sich aber unmöglich im Besitz einer reichen Fantasie oder großen Geisteskraft befinden. Denn die Gedanken sind für die Begierden gleichsam Pfadfinder und Spione, die das Terrain erkunden und die Wege finden zu den Zielen unserer Wünsche.“ (ebd.) Diese Worte von Hobbes werfen die Frage auf, ob geistige Kreativität und Fantasie, derer wir allem Anschein nach heute und in Zukunft mehr denn je bedürfen, wirklich und für alle Zeiten auf einen anthropologisch konstanten leidenschaftlichen Macht– und Übermächtigungstrieb als Motor angewiesen sind, der zugleich ein vertrauensvolles Zusammenleben der Menschen von der Wurzel her verhindert.

Denn da die Menschen, und dies ist wieder Hobbes, allein zur Sicherung der Selbsterhaltung auf die unaufhörliche Steigerung ihrer individuellen Macht angewiesen sind, müssen sie einander ständig bedrohen, und sie empfinden folglich im „Zusammenleben kein Vergnügen, sondern im Gegenteil großen Verdruss, wenn es keine Macht gibt, die dazu in der Lage ist, sie alle einzuschüchtern“ (ebd., S. 95). Gerechtigkeit, Gleichheit, Bescheidenheit, Barmherzigkeit, kurz: „Naturgesetze“, die ein freiwillig solidarisches Zusammenleben befördern oder stützen könnten, laufen nach Hobbes „unseren natürlichen Trieben zuwider“ (ebd., S. 133). Nur eine Regierung, die mit absoluter Machtvollkommenheit ausgestattet ist, vermag unter diesen Bedingungen den Menschen jene Furcht einzuflößen, die sie am ständigen Krieg gegeneinander hindert. Vertrauen kann man gar nicht hegen, denn die eingangs von Hobbes als dazu erforderlich erkannte Wahrheitsliebe im Sinne offener Wahrhaftigkeit dürfen die Menschen sich zum Zwecke ihrer Selbsterhaltung, die ständig auf präventive Übermächtigung der anderen zielen muss, gar nicht leisten. Es gibt „für niemanden einen anderen Weg, sich selbst zu sichern, der so vernünftig wäre wie Vorbeugung, das heißt, mit Gewalt oder List nach Kräften jedermann zu unterwerfen, und zwar so lange, bis er keine andere Macht mehr sieht, die groß genug wäre, ihn zu gefährden. Und dies ist nicht mehr, als reine Selbsterhaltung erfordert und ist allgemein erlaubt“ (ebd., S. 95).

So finden wir bei Thomas Hobbes einen paradigmatischen Zusammenhang zwischen einer philosophischen Anthropologie, in der schon der Selbsterhaltungstrieb Vertrauen auch nur als ein Element sozialer Kommunikation verbietet, und einer absolutistischen Regierungsform, die der individuellen Freiheit und einer offenen gemeinwohlorientierten politischen Debatte über die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen keinen Raum lässt. Mithin besteht nicht nur ein Zusammenhang zwischen Vertrauen und Wahrheit (im doppelten Sinne von Wahrhaftigkeit und Richtigkeit), sondern auch zwischen Vertrauen, Wahrheit und politischer Freiheit. Alle drei gehören offenbar strikt zusammen.

 

4.

Bei John Locke, dem eigentlichen vertragstheoretischen Begründer freiheitlicher Demokratien, stellt das Vertrauen dagegen im Unterschied zu Thomas Hobbes eine zentrale positive Stütze des Zusammenlebens dar.
Die theoretische Prämisse dafür liegt schon in seiner von Hobbes wesentlich unterschiedenen Skizzierung des sog. Naturzustandes, der ja in der Geschichte der Vertragstheorien die philosophisch-anthropologische Grundvorstellung, das sog. Menschenbild, zum Ausdruck bringt. Während bei Hobbesdie Menschen miteinander im latenten Krieg leben müssen, könnten sie nach Locke ohne vertraglichen Zusammenschluss ungestört in der natürlichen Gemeinschaft ihren „unschuldigen Vergnügen“ nachgehen, gäbe es nicht unter ihnen immer wieder einige Personen, die diesen Zustand stören: „Wäre es nicht der Verderbtheit und Schlechtigkeit entarteter Menschen wegen, man würde kein Verlangen nach einer anderen haben, es läge keinerlei Notwendigkeit vor, daß sich die Menschen von dieser großen und natürlichen Gemeinschaft entfernten und sich durch positive Vereinbarungen zu kleineren und Teilvereinigungen zusammenschlössen.“ (Locke, 1966, S. 102)

Die „Art“ der Menschen ist also keineswegs verderbt und unfriedlich. Infolgedessen kann man das Risiko eingehen, im vertraglichen Zusammenschluss zur Sicherung von Leben, Freiheit und Eigentum Mandatsträger zu wählen und ihnen prinzipiell das Vertrauen entgegenzubringen, dass sie ihre Aufgabe für das Gemeinwesen erfüllen. Aber wegen der „Schlechtigkeit entarteter Menschen“ enthält das Vertrauen immer zugleich ein Risiko, ein Wagnis. Es verlangt nach Kontrolle.
Lockes systematischer Beitrag in der weiteren Bestimmung des Verhältnisses von Politik und Vertrauen liegt dann darin, Hauptprobleme und Kriterien des Vertrauensbruchs zu formulieren und wichtige Elemente institutioneller Abhilfe dagegen zu skizzieren. Willkür und Missbrauch der Macht zur eigenen Bereicherung sind die zentralen Übel, gegen die sich die Kontrolle richten muss (vgl. ebd., S. 110ff.). Gesetzlichkeit der Regierung, d.h. im weiteren Sinne Rechtsstaatlichkeit, Gemeinwohlorientierung, Budgetrecht des Parlaments und Volkssouveränität, die sich im natürlichen Recht auf Widerstand des Volkes im Falle des Vertrauensbruchs manifestiert: Dies sind die Kriterien der Vertrauenswürdigkeit einer Regierungsart; Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive die entscheidende strukturelle Vorkehrung gegen den Vertrauensbruch durch Machtmissbrauch (vgl. ebd., S. 116).
Möglich ist das Vertrauen bei Locke, weil nicht alle Menschen immer schon verderbt sind; nötig ist die Kontrolle, weil Vertrauen eben nicht auf Wissen beruhende Sicherheit bedeutet, sondern immer das Wagnis enthält, enttäuscht zu werden.

 

5.

Die Federalist Papers, die Lockes Grundposition pragmatisch weiterführen und institutionell ausbuchstabieren, fügen der Frage nach der Bedeutung des Vertrauens noch einen wichtigen Akzent hinzu. Denn sie fassen ihre ausführlichen Erwägungen über eine geeignete amerikanische Verfassung in die These zusammen, dass es eine letzte institutionelle Garantie für das Gelingen eines freiheitlichen Zusammenlebens nicht gibt. Vielmehr braucht man den Glauben daran, dass in der Mischung von Korrumpierbarkeit und Vertrauenswürdigkeit in der menschlichen Natur letzterer doch ein Übergewicht zukommt. . “As there is a degree of depravity in mankind which requires a certain degree of circumspection and distrust, so there are other qualities in human nature which justify a certain portion of esteem and confidence.” (Hamilton, Madison, Jay, 1961, S. 346) Und: „Republican government presupposes the existence of these qualities in a higher degree than any other form.“ (ebd., No. 55 (Madison), S. 346) Der schließliche Garant für das politische Gelingen liegt in der subjektiven Einstellung der Menschen. Die freiheitliche Republik braucht: “the genius of the whole system; the nature of just and constitutional laws; and, above all, the vigilant and manly spirit which actuates the people of America – a spirit which nourishes freedom, and in return is nourished by it.” (ebd., No. 57 (Madison), S. 353)

 

6.

Diese systematischen Überlegungen zur politisch-philosophischen Bedeutung von Vertrauen sind wichtig, um die Fundierung der gegenwärtigen Debatte in der Ideengeschichte zu verstehen.. Von heute aus betrachtet, stellt sich mentalitätsgeschichtlich und soziologisch dann die Frage, wie es um die Chance von Vertrauen in Deutschland, in Europa und in der Welt gegenwärtig wirklich bestellt ist. Denn der seit Jahrzehnten anhaltende Vertrauensschwund in den westlichen Demokratien kann ja nicht nur mit der individuell-subjektiven moralischen Qualität der Politiker, bzw. überhaupt der Bürger zu tun haben. Wenn z.B. geschichtliche Erfahrungen oder das soziale bzw. das ökonomische System die Misstrauenspotenziale in den Menschen stärken, dann helfen philosophische Klärungen, so notwendig sie sind, in der Praxis nur bedingt weiter.

Ich behaupte nun zum einen, dass das Mentalitätserbe in nachdiktatorischen Gesellschaften ihr Misstrauenspotenzial markant steigert. Wir haben dafür unzählige empirische Belege. Solche nachdiktatorischen – oft gleichsam „nach-mörderischen“ – Gesellschaften gibt es überall in der Welt. In Europa gilt dies nicht nur für diejenigen Länder, die im früheren kommunistischen Herrschaftsgebiet gelegen haben. Ich möchte das zuspitzen: die Schwierigkeit der Deutschen in Ost und West, sich auf Reformen zu einigen, hat ganz wesentlich mit diesem Mentalitätserbe zu tun und einer nach wie vor autoritären Tradition, zu deren Wesensmerkmalen Geschichts- wie Zukunftspessimismus, Selbst- wie Fremdmisstrauen, der Hang zu Katastrophenszenarios und eine Motivationstheorie gehören, die eher auf Drohung, Angst und autoritär angeordneten Zwang setzt als auf individuelle Zuwendung und freiheitliche argumentative und unaufgeregte Einigung. Lord Dahrendorf hat dies vor einigen Tagen in einer witzigen fiktiven Übersetzung gegenwärtiger deutscher Katastrophensprache in die von britischen Premier Tony Blair gepflegte Marketing-Rhetorik vorgeführt.

Meine zweite These betrifft die gegenwärtige Kolonialisierung aller Lebensbereiche durch das Prinzip des ökonomischen Wettbewerbs. Welchen Segen Markt und Wettbewerb im Gegensatz zur autoritären und ineffizienten Planwirtschaft darstellen, muss ich hier nicht unterstreichen. Aber seine Verabsolutierung als Motivations- und als Anerkennungsprinzip von Leistung und Wertschätzung ganz generell nivelliert nicht nur die wichtigen Differenzen zwischen den unterschiedlichen Bereichen unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens, zwischen Marktangebot einerseits und Rechtssystem, Erziehung, Gesundheitsförderung, Kultur und – last but not least – Politik andererseits. Sondern sie verstärkt auch das Potenzial von Misstrauen, weil es die Menschen grundsätzlich zu Gegnern macht, da sie in einer unübersichtlichen Welt zu ihrer Selbsterhaltung möglichst immer besser, immer schon stärker sein müssen als die anderen. Das daraus entstehende Grundgefühl ist die Selbstbehauptung gegen die Bedrohung durch die anderen. Es macht die Solidarischen ganz im Sinne von Hobbes zu Überlebens-Untauglichen.

Zugleich untermauert es – und dies mit einer Rhetorik der Freiheit! - jene gerade in Deutschland nach wie vor aus seiner Mentalitätsgeschichte ererbten autoritären Potenziale, die der freiheitlichen, auch auf Kooperation, Freundlichkeit und offene Kommunikation, eben auf Vertrauen angewiesenen Demokratie entgegenstehen. Denn die Unterordnung aller Bereiche unter die Logik des ökonomischen Marktes negiert die Möglichkeit freiheitlichen politischen Austausches ebenso wie ehedem die Unterordnung unter eine obrigkeitsstaatliche Bürokratie.

Die Kolonisierung auch der Politik durch das Paradigma des Marktes und des ökonomischen Wettbewerbs, das dem absolutistischen Staat des Hobbes’schen Leviathan scheinbar radikal entgegensteht, weil es vordergründig eher auf die Abschaffung von Staat und Politik zielt, befördert so de facto eine politische Kultur und ein Verhalten der Menschen, das der freiheitlichen Demokratie den Boden unter den Füßen wegzieht und autoritären, ja gewaltbereiten Einstellungen, Rebellionen oder vorbeugenden intellektuellen Unterwerfungen umgekehrt den Boden bereitet: Wenn der globale Wettbewerb eindeutige und unumstößliche Imperative setzt, dann braucht man Alternativen nicht mehr in Betracht zu ziehen, dann gibt es nichts mehr zu diskutieren, dann gibt es nur noch eine Priorität, dann wird das Abwägen unterschiedlicher Wichtigkeiten und Interessen im Parlament überflüssig, dann hört Politik auf. Unter den Bedingungen des Stalinismus nannte der polnische Philosoph Leszek Kolakowski in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine solche Zumutung eine Erpressung durch die einzige Alternative.

Freiheitliche Politik – nicht nur Ökonomie – baut dagegen auf das Vertrauen in eine offene Zukunft, in der es immer mehr Lösungsmöglichkeiten gibt als auf Anhieb erkennbar ist, vor allem, wenn die Bürger sich vertrauensvoll um gemeinsame Möglichkeiten bemühen und dadurch alle Möglichkeiten ausloten können. Nicht von ungefähr haben die Briten, denen bei aller Wirtschaftsliberalität die Überzeugung von der Notwendigkeit von Politik für die Wahrung der Freiheit und der Zivilität über Jahrhunderte zum inneren Habitus geworden ist, das Wort „Deregulierung“ inzwischen durch „bessere Regulierung“ ersetzt – auch diesen nicht nur rhetorischen Unterschied hat Lord Dahrendorf, der liberale Deutsch-Brite, kürzlich öffentlich hervorgehoben.

Die Chancen demokratischer freiheitlicher Politik, bei uns wie in Europa und auf der Ebene der globalen „Governance“, die auf freiwillige Übereinkünfte ganz besonders angewiesen ist, werden in dem Maße steigen, wie es uns – in welcher Verantwortung auch immer – gelingt, uns von der Erpressung durch eine angebliche ökonomische Notwendigkeit zu befreien (die uns alle als anonymes System wie ein Leviathan zu beherrschen droht) und durch Wahrhaftigkeit, innere Stimmigkeit und Kompetenz das Vertrauenspotenzial in der Gesellschaft – von der Kommune bis zu den globalen Unternehmen oder den nicht gewinnorientierten Organisationen der Zivilgesellschaft – zu stärken. Das ist nicht die Aufgabe der Politik allein, denn wir sind nicht einfach Konsumenten, die zurückgelehnt das Treiben auf dem Markt der Möglichkeiten betrachten oder schauen können, wie wir die Konkurrenz am besten ausstechen. Wir sind immer auch Bürger – citoyens -, denen das Gemeinwohl, wenn es nicht vor die Hunde gehen soll, im wohlverstandenen eigenen Interesse genau so am Herzen liegen muss wie das private. Soviel kann man sagen, das weitere muss man tun.


Literatur

Diesel, Eugen 1946, Die Macht des Vertrauens, München.

Hobbes, Thomas, 1965, Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt des kirchlichen und bürgerlichen Staates. In der Übersetzung von Dorothee Tidow, hrsg. v. Cornelius Mayer–Tasch, Reinbek.

Locke, John, 1966, Über die Regierung. In der Übersetzung v. Dorothee Tidow, hrsg. v. Peter Cornelius Mayer-Tasch, Reinbek.

Hamilton, Alexander / Madison, James / Jay, John, 1961, The Federalist Papers. With an introduction, table of contents and index of ideas by Clinton Rossiter, New York u. Scarborough, Ontario.